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Klassische Musik

7 Radpiraten bei Lüttich-Bastogne-Lüttich - 23.04.2016

Gerrit im Anmarsch auf die Cotes du Rosier

Die Serie der Frühjahrsklassiker schließt ab mit einem richtigen »Knaller«: das in »Lay Doyenne« (die Älteste) getaufte Radrennen von Lüttich nach Bastogne und zurück wird zurecht zu den Monumenten des Radsports gezählt. Gelegen in den naturgemäß welligen Ardennen verläuft der 271 km lange Kurs vor allem im zweiten Teil durch eine Folge von kurzen, aber sehr schweren Steigungen (genannt »Côtes«) in rascher Abfolge, deren Maximalwerte fast immer deutlich mehr als 10%, in wenigen Fällen auch mehr als 20% erreichen. Davon am bekanntesten ist die Côtes de la Redoute, Heimatgebiet des Radprofis Philippe Gilbert und für die Fans so etwas wie die Alpe d'Huez von Belgien (weitere lesenswerte Informationen auf Wikipedia).

Bei dem schlechten Wetter, das das ganze Wochenende überzog, kam es zu einer Überraschung: kein weiterer Seriensieg von Valverde oder Rodriguez, statt dessen holte sich der Niederländer Wout Poels den verdienten Sieg vor Michael Albasini.
Einen Tag vor Austragung dieses professionellen Radklassikers gab es Gelegenheit für die Hobbyfahrer, sich im Liège-Bastogne-Liège-Challenge auf der Strecke zu messen. Die Wetterbedingungen an diesem Samstag waren zwar nicht ganz so hart wie am Folgetag, aber es war sehr kalt und vor allem windig. Diese harten Bedingungen hielten aber einige tausend Fahrerinnen und Fahrer nicht davon ab, an den Start zu gehen und mit Spaß, Ausdauer und Energie diese Herausforderung zu bewältigen. Unter ihnen auch 7 Radpiraten: 6 davon auf der 271 km lange Originalstrecke, einer auf einem verkürzten Kurs von 158 km, der allerdings immer noch die meisten der besonders harten Côtes beinhaltet.
Alle kamen wohlbehalten, erschöpft und glücklich ins Ziel. Sie hatten alles gegeben, sich an den knallharten Steigungen und vor allem im Wind total verausgabt. Da sich das Feld bedingt durch einen »fliegenden Start« und die vielen Steigungen weit verteilte, kam es z. T. auch auf längeren flachen oder abschüssigen Passagen nicht zum Zusammenschluss größerer Gruppen. Trotz allem vermittelten die großartige Atmosphäre sowohl im Fahrer(innen)feld, als auch bei den zahlreichen Helfer(inn)en an den 5 Verpflegungsstationen, die selbst bei diesem Wetter noch bezaubernde Landschaft und natürlich die sportlichen Herausforderungen Glückshormone ohne Ende.
"Siegerfoto" - Malte UferkampFür alle stand abends im Ziel fest: das war nicht die letzte Austragung von »LBL«!
Im folgenden ein sehr lesenswerter Bericht von Gerrit Bornmüller, der alleine (vor den anderen Radpiraten) gestartet war: 

Für mich begann die Morgendusche bereits um kurz nach 6 Uhr beim Start vom Hotel (Marke 8 Quadratmeter-Wohnklo). Die Sonne schien in Strömen.
Den Weg zum offiziellen Start hatte ich mir am Abend zuvor noch mit dem Rad ausgekundschaftet und war dabei auch gleich auf ein ganz spezielles Kleinod mit Kopfstein und 15% Neigung gestoßen.
Hätte ich genauer gewusst, was mich den Tag über an herrlichen Herausforderungen erwartet, wäre ich wohl auch die kurze Strecke mit dem Auto angereist. Aber was uns nicht umbringt ...
Im Regen macht das besonders Spaß ...

Pünktlich um 6:30 war der Startbogen aufgeblasen und ich mit dem ersten Schwung auf die Reise gegangen. Andere Piratentrikots konnte ich in dem Gewusel trotz intensivem Ausschau halten, leider nicht ausmachen.
Es regnete ergiebig bei Temperaturen um die 3°C und so war ich froh nach ca. 10km in einen ersten Anstieg gehen zu können. Trotz 4 Schichten am Oberkörper, langer Hose, Winterhandschuhen und dicken Überschuhen (Motto: was Du hast, das hast Du), war mir wegen der langsam einsickernden Nässe doch ziemlich frisch.


In der darauf folgenden, kurzen und recht steilen Abfahrt in einer flotten Gruppe hatte ich dann auch mal wieder mein so wichtiges, weil für weitere Gefahren sensibilisierendes, Aha-Erlebnis:
Kurve links, zu schnell, zu wenig Straße über, und die dann auch noch nass, glatt und voller Löcher.
Das war knapp. Danach war mir warm, ich war hellwach und den Rest des Tages richtig eingestellt.

Der Regen hielt dann für mich bis kurz vor Bastogne an, nahm allerdings an Intensität beständig ab.... auf die Zähne beißen ...
Zwischendurch waren trotz der diesig-feuchten Luft immer mal wieder herrliche Ausblicke in die Landschaft zu erhaschen. Toll!

Der frühe Start rächte sich für mich in so fern, dass ich leider keine homogenen Gruppen erwischte, an die ich mich hätte anhängen können um ein paar Körner zu sparen. Das war mehr eine sehr lang gezogene Kette von vielen Einzelfahrern.
So hatte ich genug Zeit, mich auf mein Reisetempo einzustellen und immer mal wieder in mich reinzuhorchen. War aber nix zu hören!

Die erste Verpflegungsstelle ließ ich aus und freute mich auf die Waffeln, die ich aus den Vorjahren schon von der Flandernrundfahrt und Paris-Roubaix kannte. Super Teile! Braucht man nix anderes mehr. In Bastogne hielt ich dann, aß zwei von ihnen und füllte meine Flaschen wieder auf.
Als ich dann weiterfuhr, wunderte ich mich sofort über das Rauschen auf den Ohren. Sind wir hier am Deich oder was? Verdammt! Der Kurs führte jetzt zurück nach Norden und der Gegenwind war doch schlimmer als angenommen.
Leistungsmesserwerte hoch, Tempo runter. Das hatte ich anders geplant.
Nützt ja nix, ab in den Unterlenker und Kopf runter. Auf dem Oberrohr strahlte mich dabei der Aufkleber des Veranstalters in hoffnungsvollen grün an und verkündete sachlich, dass eigentlich alle namhaften Anstiege noch vor mir lägen. Waren ja auch erst 112km absolviert.

In dem stetigen Auf und Ab bis km 170 wurde mir dann klar, dass der anvisierte 28er Schnitt für mich heute einfach nicht drin war. Das entspannte mich ungemein und besänftigte ein wenig die mittlerweile doch spürbaren Oberschenkel.
Großen Spaß hatte ich bis dahin auch mit einigen Italienern, 50kg Bergflöhe, Rahmengröße 46.
Immer wenn es aufwärts ging, flogen sie im wilden Wiegetritt an mir vorbei.
Das Rad wurde dabei eindrucksvoll von links nach recht geworfen um der Überlegenheit Ausdruck zu verleihen.
Aber Wehe, es ging bergab oder der Wind erwischte uns in offenerem Gelände. Da war Schluss mit lustig. Sie ließen sich zurückfallen, um sich wie eine Perlenkette hinter mir aufzureihen. Mein mehrmals zuckender Ellenbogen nach einigen Minuten Führungsarbeit wurde wohl beim Studium des Oberrohraufklebers großzügig übersehen.
Kraftreserven mobilisieren ...
Das Spiel ließ ich mir ein paar mal gefallen. Auf einer geraden Passage im Wind reichten dann aber ein paar Watt mehr aufs Pedal um die Flöhe abzuschütteln. Training am Deich im Wind ist also doch für was gut. Vielleicht trainiert Wouter Poels in der Heimat ja auch so.

Der Rest ist schnell erzählt. Nicht weniger als 6 berüchtigte Hindernisse stellen sich ab km 172 dem geneigten Treter der langen Strecke in den Weg.
Côte de Wanne, Côte de la Haute-Levee, Col du Rosier, Côte de la Redoute, Côte de la Roche aux Faucons und den Côte de Saint Nicolas galt es zu erobern.
Teilweise mit Steigungsprozenten bis zu 21% versehen, muss ich hier die Erzählung deutlich abkürzen, da mein Erinnerungsvermögen dem drückenden Gefühl in den Beinen und dem Reißen in der Lunge weichen musste. Ich frage mich nur warum ausgerechnet die letzten drei dieser belgischen Nettigkeiten dann auch noch »gezeitet« werden müssen. Da würde ich doch gerne mal frisch hoch fliegen, *hust*.
Aber das hält die Motivation natürlich hoch, auch wenn den Gräten dann nur noch ein schlappes Reisetempo zu entlocken ist.


Das Wetter wurde zum Ende immer besser. Zeitweise kam auch die Sonne raus.
Von einem Kenner der Strecke war ich vorher gewarnt worden, dass nach Saint-Nicolas noch ein nirgends erwähnter Anstieg lauert (Cóte de Ans), der einen noch mal zur Verzweiflung treiben kann.
Mein Kopf war da aber in Hochstimmung und es waren mittlerweile auch ein paar Zuschauer an der Strecke, die uns applaudierten und uns anfeuerten, so dass die letzten Kilometer bis ins Ziel eine wahre Freudenfahrt waren (sind die letzten Kilometer aber ja eigentlich immer, komisch ...).

Im Ziel habe ich mir dann meine Medaille abgeholt, schnell ein Leffe und ein Hot Dog reingedrückt und mich dann vor dem kompletten Auskühlen wieder auf's Rad gesetzt, um die letzten 6 km zum Hotel zu absolvieren. Erwähnte ich das Tags zuvor entdeckte Kleinod mit 15%? Das versuchte ich natürlich zu umfahren. Aua, hat nicht ganz geklappt. Zurück im Hotel habe ich es noch geschafft, das Rad in das Zimmer zu zirkeln, mich der nassen Klamotten zu entledigen, meinen Upload zu Strava zu machen und kurz zuhause anzurufen. Danach habe ich im Schlafsack unter der Bettdecke bei Heizung auf volle Pulle erst mal 3 Stunden Heia gemacht, bevor ich gegen Mitternacht noch unter die Dusche gekrochen bin.

Was für ein toller Tag! Eine ganz tolle Strecke und Veranstaltung!
Macht das unbedingt auch mal!

Gerrit Bornmüller
 

 
FC St. Pauli Radsport
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