Keine Termine
 

 

Zeitfahren Hamburg-Berlin 2013: Nichts für »Weicheier«

12.10.2013Radpiraten am Start. Foto: Burkhard Sielaff, Audax Club SH

Kräftiger Dauerregen in den ersten und letzten Stunden sowie ständiger Gegenwind: das waren nur die Begleiterscheinungen für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des diesjährigen Zeitfahrens von Hamburg-Altengamme nach Berlin-Spandau (zwischen 270 und 280 km). Die Länge der Strecke an sich, der Kniepenberg zwischen Bleckede und Hitzacker mit weit über 10% Steigung, teilweise sehr schlechte Straßenverhältnisse (z. B. eine wg. dem Hochwasser abgetragene Straßendecke auf zwei kurzen Abschnitten auf der Strecke von Havelberg nach Rhinow) und endlos lange und langweilige Straßen (»Alleen der Depressionen«, so der mitgefahrene Randonneur Janibal) taten ihr bestes, um uns zu zermürben und zur vorzeitigen Aufgabe zu bewegen.

Letzteres haben auch einige gemacht (teilweise auch wegen technischer Pannen, die unter diesen Bedingungen eine besondere Strafe darstellten, nicht so aber die 4 Teams des FC St. Pauli bzw. mit FC St. Pauli-Beteiligung: »FC St. Pauli Radpiraten« (voraussichtliche Platzierung auf 21 mit einer Bruttozeit von 9:57 h), »Paralos« (voraussichtliche Platzierung auf 24 mit einer Bruttozeit von 10:10 h) »Uwe (Rohde) und Michael (Kasparick)« (voraussichtliche Platzierung auf 42 mit einer Bruttozeit von 10:45 h) und »Solo für Pauli« (voraussichtliche Platzierung auf 67 mit einer Bruttozeit von 11:25 h). Der FC St. Pauli-Triathlet Mick Dreeßen war allein auf der Strecke und erreichte die voraussichtliche Platzierung auf 47 mit einer Bruttozeit von 10:49 h. Allen einen herzlichen Glückwunsch zu diesen Erfolgen!

Ganz vorn waren wieder die Fahrer mit vollverkleideten Liegerädern (Siegerzeit: 6:56 h), das erste Radteam »Heinemann 4« brauchte 8:12 h. Eine provisorische Ergebnisliste findet sich unter folgendem Link: http://www.fcstpauli-radsport.de/images/abteilung/hhberlin2013/HH-Berlin-2013.pdf.

Das »Zeitfahren« Hamburg-Berlin hat bei einem kleinen Teil der Mitglieder des FC St. Pauli Radsport einen festen Platz im Kalender. Es findet jedes Jahr am zweiten Oktoberwochenende statt, als Saisonausklang, der den Teilnehmerinnen und Teilnehmern noch einmal alles abverlangt, was sie sich zuvor antrainiert haben. Seit 2001 wird dieses Event vom Audax Club Schleswig Holstein veranstaltet, der damit ursprünglich angeblich das Ziel verfolgte, auf diesem Weg zur am nächsten Tag stattfindenden RTF »Jenseits der Havel« zu gelangen. Tatsächlich ist es auch heute für einen Teil des Fahrerfeldes noch Usus, am Tag nach dem Zeitfahren entspannt an dieser RTF teilzunehmen.

Das Rennen beginnt am Samstag früh in Altengamme direkt am Deich (Altengammer Fährhaus). Von hier wird (noch im Dunkeln) nach Geesthacht gefahren, um dort die Elbe zu überqueren. Von da an ist (südlich der Elbe) die Strecke frei wählbar bis schließlich östlich von Hitzacker die Elbe wieder in die andere Richtung nach Dömitz überquert werden muss. Dort befindet sich (nach 95 gefahrenen km) der erste und einzige Kontroll- und Verpflegungspunkt. Die weitere Strecke bis zum diesjährigen Ziel, dem Horst Körber Sportzentrum in Berlin-Spandau ist frei wählbar, führt aber logisch zunächst in Elb- dann in Havelnähe weiter. Die ehemalige Trasse Hamburg-Berlin, die alte Bundesstraße B5 ist stark befahren und eignet sich deshalb nur sehr bedingt zum Radfahren. Sie ist aber die kürzeste Verbindung, weshalb mutige Fahrer/innen und Teams häufig hinter Dömitz ab Perleberg auf die B5 fahren und diese bis Nauen (ca. 30 km vor Berlin) nicht verlassen. Danach wird die B5 KFZ-Straße, mit dem Rad kann nur auf gruseligen Radwegen an der Seite weitergefahren werden.

Eine landschaftlich schönere Variante führt von Dömitz auf kleinen Straßen nach Wittenberge an der Elbe, und über das hübsch hergerichtete Örtchen Bad Wilsnack nach Havelberg, wo die Havel in die Elbe fließt. Von Havelberg aus (nach 175 gefahrenen km) beginnt allerdings auch auf dieser Strecke ein eher öder Teil mit z. T. endlos langen Straßenabschnitten (»Alleen der Depressionen«). Schließlich gelangt man auch nach Nauen, fährt von dort aber in einem kleinen Umweg über Falkensee nach Spandau.

Die Veranstaltung ist sowohl ein Einzel- als auch ein Gruppenzeitfahren (max. 5 Teammitglieder), das nach den Regeln eines Brevets, d. h. einer Radsport-Langstreckenveranstaltung ausgerichtet ist. Aus dem Grund sind z. B. Begleitfahrzeuge und generell Hilfen von außerhalb untersagt bzw. führen zu Zeitstrafen in der Wertung. Traditionell nehmen immer einige Liegeradfahrerinnen und -fahrer teil, insbesondere mit vollverkleideten Maschinen ausgestattet. Letztere tragen im Rahmen des Zeitfahrens noch eine eigene Wertung aus. Die Startzeiten sind wie bei jedem Zeitfahren versetzt (hier um 2 Minuten), so dass sich der Start über ca. 2 Stunden erstreckt. Windschatten fahren ist aber nicht verboten, so dass sich häufig doch kleinere oder größere Gruppen ergeben.

Unser Team »FC St. Pauli Radpiraten« war in diesem Jahr schon zum sechsten Jahr dabei. Nachdem wir aber im letzten Jahr eher etwas bummelig gefahren waren (bzw. v. a. pausiert hatten), wollten wir in diesem Jahr Gas geben! Wir hatten in dieser Saison ordentlich trainiert, waren viele Radmarathons gefahren und hatten gemeinsam den Tour Transalp absolviert. Zuletzt waren wir am ersten Oktoberwochenende nach Prenzlau gefahren, um dort den Hügelmarathon und am folgenden Tag in Fürstenberg die Fontane-RTF zu absolvieren.

Dieses Jahr hatten wir uns mit dem Zweierteam »Paralos« verabredet, die zwei Minuten vor uns am Start waren. Es kam, wie so häufig bei diesem Zeitfahren: früh morgens, um ca. 600 in Altengamme angekommen, begann es zu regnen. Schon am Vortag hatte ein gewaltiger Ostwind geweht, der auch heute nicht nachließ (und auch später nicht nachlassen sollte). Um 655 starteten die Paralos, wir folgten 2 Minuten später. Im Nacken noch 3 HSV-Triathleten weitere 2 Minuten hinter uns, denen wir auf keinen Fall den Triumph gönnen wollten, uns auch nur irgendwo auf der Strecke zu überholen. Zügig fuhren wir los, was uns dank guter Beleuchtung etwas leichter fiel als anderen Fahrerinnen und Fahrern. So konnte wir viele überholen und schließlich irgendwo bei Artlenburg südseitig der Elbe zu den Paralos aufschließen. Der Regen nahm leider nicht ab, sondern wurde zunehmend stärker.

Mit den Paralos hatten wir allerdings auch eine ganze Horde anderer Fahrerinnen und Fahrer im Schlepptau, von denen einige das Gruppenfahren nicht beherrschten und bei der Dunkelheit und Nässe eher ein Sicherheitsrisiko darstellten. So waren wir froh, diese am Kniepenberg (über 10% max. Steigung) weitgehend zu verlieren. Am Kniepenberg sahen wir auch kurz die beiden Fahrer des Teams »Solo für Pauli«, die etwas vor uns gestartet waren und hier gerade pausierten. Es verblieb danach nur die »schnellste Frau aller Zeiten« Eva, die mit uns schon den Hügel-Marathon absolviert hatte. In dieser 5er-Formation erreichten wir mit einem 33er-Schnitt nass, durchgefroren und vom Dreck bespritzt, den Landmaschinen auf der Straße hinterlassen hatten, Dömitz. Dort wurden wir äußerst nett von zwei Andreas in Empfang genommen: Andrea O. vom Audax Club und Andrea L., die hier Kaffee und Kuchen für uns bereit hielt. Ansonsten begegneten uns hier viele Bekannte: zunächst das Berliner »Eisenschweinkader«-Team, diesmal verstärkt durch den norddeutschen Randonneur Janibal. Diese waren zwar bereits einige Zeit vor uns gestartet, diesmal aber auf älteren Stahlrädern unterwegs und hatten mit einigen Reifenpannen zu kämpfen. Kurze Zeit später stellte sich auch »Solo für Pauli« ein.

In Dömitz aufgetankt und aufgewärmt ging es weiter, allerdings ohne die schnellste Frau, die scheinbar schon ohne uns losgefahren war. Der Regen ließ zum Glück deutlich nach. Wir fuhren zu viert weiter und wechselten dabei ständig die Führung, um den starken Gegenwind zu ertragen. Vorne zu fahren, war dabei nur unter Schmerzen zu ertragen, nach Abgabe der Führung kam es einem hinten bummelig langsam vor. Wie so häufig in Ostdeutschland mussten wir jetzt auch schlechtere Straßen und z. T. Kopfsteinpflaster überfahren. Dies macht man am besten bei Vollgas, eine Lektion die unser aus Süddeutschland kommende Paralos-Mitfahrer Uwe erst langsam lernte.

Angekommen in Havelberg gönnten wir uns die nächste Verschnaufpause am Netto-Markt. Danach begann auch für uns langsam der Weg ins Depressive: direkt nach Havelberg war im Rahmen des noch nahe zurückliegenden Elbhochwassers an zwei Stellen die Asphaltdecke der Straße nach Rhinow abgetragen worden. Übrig geblieben war eine Mischung aus Schlamm und Wasserlöchern, ... kurze Zeit also echte Cross-Strecke. Nachdem wir das ohne Schaden überstanden hatten (u. a. weil wir nicht die Reifen das Transalp-Hauptsponsors aufgezogen hatten) kamen wir nach Rhinow. Dort schossen auf einmal vom Parkplatz eines Supermarktes aus eine Menge Fahrer auf die Straße, zu denen auch die »Brevet-Kämpen« Michael Nagel und Thomas Lange gehörten. Wir versuchten, uns dranzuhängen, merkten aber schnell, dass diese Gruppe (mit um die 34 km/h gegen den Wind) zu schnell war. Als wir uns umdrehten, merkten wir, dass wir die Paralos verloren hatten. Jetzt waren wir nur noch zu zweit.

Zu zweit machten wir uns auf die Reststrecke: über Paulinenaue nach Berge, von dort auf einem kleinen Stück B5 nach Nauen, dann schließlich über Falkensee nach Spandau. Dieser Abschnitt war einfach nur laaaang. Unsere Fahrweise wurde entsprechend müde, mentale und körperliche Kraft fehlten einfach. 3 Minuten unter der 10-Stunden-Grenze gelangten wir schließlich zum Sportheim, nachdem der letzte Streckenabschnitt in Spandau zunächst über große, verkehrsreiche Straßen, dann über erneutes Kopfsteinpflaster und eine kleine Steigung noch einmal alles verlangt hatte. Dort wurden wir wieder von den beiden Andreas in Empfang genommen, aber auch von den Eisenschweinen, die bereits das erste Bier aufgemacht hatten. Kurze Zeit danach kamen dann auch die beiden Paralos ins Ziel, mit denen wir das erste Bier angingen. Etwas später stellte sich auch die schnelle Eva ein ... uns blieb fast die Spucke bzw. der Bierschaum weg. Nach Eva kam aber auch der Regen wieder, für die noch im Anmarsch Befindlichen eine zusätzliche Härte!

Eben noch völlig abgekämpft, erholt man sich so schnell: am Abend feierten wir zusammen mit fast allen Paulianern in unserem Quartier Kapitäns Kajüte mit hervorragender Küche und entsprechenden Weinen. Nur der Gang des einen oder anderen wirkte noch etwas unrund. Damit ist Hamburg-Berlin 2013 schon wieder Geschichte, ... aber es findet ja 2014 wieder statt (und dann haben wir endlich einmal Westwind, hmmm?!).

Zeigt her Eure Dreckfüße ...  (im Ziel). Foto: Andrea Lingl Kaputt, aber glücklich ... Foto: Andrea Lingl

Schönen Dank an Andrea L. für Verpflegung und Fotos!

 

PS: HSV-Triathlon?! Pah, die hatten sich uns nach ihrem Start keinen cm genähert, sondern ständig ihren Abstand vergrößert. Nord-Derby bestanden!

Die Informationen des veranstaltenden Audax-Clubs: http://audaxclub-sh.de/node/535

Berichte auf Helmuts Fahrrad Seiten: http://forum.helmuts-fahrrad-seiten.de/viewtopic.php?t=7407

Fotos von Burkhard Sielaff (Audax-Club): https://plus.google.com/photos/113565840684522726999/albums/5934303168560289393

Fotos von Andrea O. (Audax-Club), z. T. mit liebevollen Kommentaren versehen: https://plus.google.com/photos/116028562600829124576/albums/5934340901996197041

 
FC St. Pauli Radsport
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