Keine Termine
 

1000 Kilometer-Brevet 2010

02.07.2010 – 04.07.2010

Kiel – Eckernförde – Padborg – Ribe – Esbjerg – Holstebro – Struer – Thistedt – Hirthals – Skagen – Aalborg – Silkeborg – Vejle – Kolding – Haderslev – Åbenrå – Flensburg – Schleswig – Kiel

1080 km

Ausführlicher Bericht von Michael Kasparick

Nach dem erfolgreichen Bestehen der Brevet-Serie zum Super-Randonneur in 2010 war es für mich natürlich sehr reizvoll, auch noch das letzte in diesem Jahr von Stefan in Kiel angebotene Brevet über 1000 Kilometer in Angriff zu nehmen – sozusagen als i-Tüpfelchen der Saison . Für mich persönlich stand die Beantwortung der Frage im Raum, ob auch eine solche Ultradistanz körperlich und mental machbar ist.Mit der richtigen Ausrüstung auf die Mega-Strecke

Alleine hätte ich mich bei meinen bisher doch sehr begrenzten Langstrecken-Erfahrungen allerdings nicht auf eine solche Strecke getraut. Da ich mit Anselm und Kalle aber zwei Begleiter hatte, bei denen ich mir sicher war, dass ich mich in jeder Situation hundertprozentig auf sie verlassen kann, ließ ich mich auf das Abenteuer ein. Wir vereinbarten vorher unser Motto „Gemeinsam und heil ankommen und finishen!“ und „Spaß haben!“ und entwickelten einen Schlachtplan, der vorsah, auf jeden Fall die gesamte Strecke gemeinsam zu bewältigen und eine Übernachtungspause in einem Hostel (dänische Jugendherberge) in Aalborg einzulegen. Diese – für Randonneure sehr komfortable – Übernachtung mit Dusche und Bett buchte Anselm im Voraus und sollte sich als absolut richtige Entscheidung herausstellen.
Somit war das „Rundum-Sorglos-Paket“ geschnürt, als mich nach einer kurzen Nacht am Freitag, den 02.07.2010 mein Wecker um 2:20 Uhr aus den Träumen riss. Die Sachen befanden sich bereits im Auto und der Weg zum Kanu-Heim nach Kiel war mir inzwischen ja vertraut. Da um diese Zeit natürlich kaum Verkehr herrschte, war ich bereits um 3:50 Uhr auf dem Parkplatz unter der Brücke und konnte im Auto noch gemütlich das mitgebrachte Frühstück verzehren, ehe ich mich auf den Weg nach oben zur Anmeldung machte. Stefan und einige andere hatten bereits im Kanu-Heim übernachtet und waren ebenfalls gerade beim frühstücken. Ich nahm meine Startunterlagen entgegen und wir hielten ein wenig Smalltalk (nicht jedermanns Sache zu so früher Stunde). Stefan gab die Wettervorhersage bekannt: Es stand das bisher sonnigste und heißeste Wochenende des Jahres mit Temperaturen von weit über 30°C bevor (genau das Wetter, was mir am wenigsten entgegen kommt), für die Nacht von Samstag auf Sonntag sollte es Gewitter geben. Die gute Nachricht: Der Wind sollte zuerst aus Süd-Ost kommen, um dann ab Samstag über Westen in Richtung Nord zu drehen – mit etwas Glück konnten wir also fast über die gesamte Tour mit Schiebewind rechnen.

Ich packte dementsprechend meine Sachen inklusive Regensachen und Arm- und Knielingen auf’s Rad und in meinen Rucksack und hatte außerdem insgesamt vier Trinkflaschen und reichlich Müsliriegel, Mars, Mini-Salami, Kekse, Brote und Rosinenbrot dabei. Gestartet wurde bei wolkenlosem Himmel und Temperaturen über 20°C natürlich in kurz/ Kurz, aber so eine Tour ist lang und man muss für alle Eventualitäten gerüstet sein. Gegen 5:00 Uhr hatten sich schließlich insgesamt 23 Fahrerinnen und Fahrer eingefunden, darunter zwei Liegeräder und ein Trekkingrad. Um 5:15 Uhr gab Stefan dann das Startzeichen und wir machten uns gemeinsam auf den Weg. Durch Kiel hindurch und bis über die alte Kanalbrücke blieben noch größere Gruppen zusammen, aber wir hatten uns fest vorgenommen, von Anfang an unser eigenes Tempo zu fahren und hielten dieses Vorhaben strikt ein, auch wenn dies bedeutete, zwanzig Meter hinter einer Gruppe hinterherzufahren. Schließlich zog eine Spitzengruppe davon (allen voran Michael Nagel), die wir gelassen fahren ließen – unser Ziel war finishen im vorgegebenen Zeitfenster und das hieß am Montag spätestens 13:11 Uhr wieder in Kiel zu sein.

Die Strecke war zunächst bis Esbjerg mit der uns vom 600er Brevet bekannten Strecke identisch, nur dass wir diesmal im Hellen unterwegs waren und somit die wunderschöne Landschaft genießen konnten. Nach einiger Zeit ergab es sich, dass wir mit Stefan und Thies gemeinsam fuhren, die genau unsere Geschwindigkeit hatten und es genau wie wir ganz bewusst langsam angehen lassen wollten. Somit hatten wir eine tolle Gruppe zusammen, die sehr gut harmonierte und unterstützt durch den Schiebewind schneller als geplant vorankam. In Eckernförde fuhren wir auf eine kleine vor uns liegende Gruppe auf. An der Promenade kam uns Armin entgegen, der gerade mit seinem Singlespeed zur Arbeit nach Kiel gestartet war. Gerne hätte ich ihn nach Skagen mitgenommen …
So erreichten wir zu fünft entspannt gegen 9:00 Uhr die erste Kontrollstelle in Padborg bei Streckenkilometer 104 und trafen auf einige vor uns liegende Fahrer. Erst bei der Pause bemerkte ich zum ersten Mal bewusst, wie warm es eigentlich und wie stechend die Sonne war. Jetzt war mir auch klar, warum die ersten zwei Liter Wasser wie nichts auf der Zunge verdunstet waren. Bis hierher hatten wir immerhin eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 29,5 km/ h herausgefahren (siehe auch Übersicht unten), was angesichts der hügeligen Strecke und des Wetters schon eine ganz ordentliche Leistung war. Wir rasteten etwa eine halbe Stunde, füllten Wasservorräte auf und aßen, bevor wir wieder zu fünft auf die Räder stiegen.

Auf dem Weg nach Esbjerg in der weitgehend ungeschützten dänischen Landschaft merkten wir den Schiebewind jetzt recht ordentlich und wir fuhren in einem ziemlich hohen Tempo weiter. Mein Tacho pendelte meist zwischen 30 und 35 km/ h und selbst der erfahrene Langstreckenfahrer Stefan meldete Bedenken an, ob dieses Tempo auf Dauer sinnvoll sei. Aber es lief einfach zu gut … Zwischenzeitlich hatten wir den Fahrer mit dem Trekkingrad in unseren Reihen, der mit der Spitzengruppe bis Padborg gefahren war, aber jetzt unsere Geschwindigkeit auf Dauer auch nicht halten konnte. Aber auch er sollte später im Zeitfenster Kiel wieder erreichen und hat dafür meinen allergrößten Respekt. In Ribe wählten wir diesmal die Strecke direkt durch die Stadt (Fußgängerzone, in der Radfahren glaube ich verboten ist) und legten eine kurze Rast an einem Supermarkt ein, um Wasser und Vorräte aufzufüllen. Das letzte Stück bis Esbjerg zeigte sich diesmal von seiner freundlichen Seite, hier hatten wir drei Wochen zuvor für 20 Kilometer über eine Stunde gegen den Wind gebraucht. An der Tankstelle in Esbjerg trafen wir erneut auf einige andere Ranonneure. Es war 13:05 Uhr und 214 Kilometer waren geschafft. Die Durchschnittsgeschwindigkeit lag immer noch bei 29,0 km/ h.

Noch bestes Randonneurswetter ...Da sich unsere Gruppe nun gut bewährt hatte starteten wir zu fünft auf die nächste Etappe in Richtung Norden. Bei etwa Kilometer 270 bogen Stefan und Thies auf einen kleinen Feldweg ab, um sich unter Bäumen im Schatten eine halbe Stunde auszuruhen. Wir fuhren zu dritt weiter, allerdings nicht sehr lange, denn ein paar Kilometer weiter erlebte ich einen heftigen Einbruch, der mich ebenfalls zu einer längeren Pause zwang. Jetzt musste ich feststellen, dass das Wetter und unser Tempo über den ganzen Tag mir doch sehr zugesetzt hatten. Der Kreislauf war im Keller und obwohl ich Unmengen getrunken hatte war keine Leistung mehr in den Beinen, da der Körper offensichtlich alle Energien für den Kühlbetrieb benötigte. Also hielten wir in einer kleinen Ortschaft an und machten eine längere Pause auf einer Bank im Schatten, während der ich versuchte, mich ein wenig zu erholen. Anselm und Kalle bauten mich mit ihren Worten wieder auf und wären sie nicht gewesen, hätte ich höchstwahrscheinlich schon an dieser Stelle die Tour abgebrochen. Spätestens jetzt war mir klar, dass es die absolut richtige Entscheidung war, mit diesen beiden Freunden gemeinsam zu starten und was es wert ist, in einer solchen Situation solche außergewöhnlichen Menschen in der Nähe zu haben. So einen Teamgeist wie auf dieser Tour habe ich bisher noch nicht erlebt.
... und trotzdem für jedes Wetter gerüstet ...Als Nebeneffekt hatte Anselm während meiner Pause Zeit, seine kurz zuvor gerissene Speiche im Hinterrad so weit wieder flott zu machen, dass er weiterfahren konnte. Das Rad hatte ab jetzt zwar einen leichten Schlag, der langsam größer wurde, aber um es vorweg zu nehmen: Anselm ist mit 31 Speichen tatsächlich bis nach Kiel gekommen. Schließlich hatte ich mein größtes Tief und meinen inneren Schweinhund überwunden und stieg wieder auf’s Rad, um die nächsten 40 Kilometer bis zur Durchfahrtskontrolle in Holstebro im Schneckentempo hinter Kalle hinterher zu rollen. Die beiden mussten schon hier eine Wahnsinns-Geduld mit mir aufbringen. Zwischendurch überholten uns Stefan und Thies wieder, aber in Holstebro vor einem Supermarkt trafen wir sie gegen 18:30 Uhr wieder. Wir hatten jetzt 326 Kilometer geschafft und mein Tacho zeigte mir immer noch eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 28,39 km/ h an. Thies ging es ebenfalls nicht besonders gut und er hatte mit Magenproblemen zu kämpfen. Ich fühlte mich wie vom Betonmischer überrollt und wusste, dass ich unbedingt etwas essen musste, bekam aber nichts runter. Außerdem hatte ich Krämpfe in den Beinen. Eine Banane, Magnesium- und Salz-Tabletten sowie eine „frubiase“-Tablette von Anselm und Stefan hauchten mir wieder etwas Leben ein. Bezüglich des Ausgleiches von Mineralienverlusten während so einer Tour war ich eindeutig zu blauäugig an die Sache herangegangen, denn entsprechende Tabletten o. ä. hatte ich nicht dabei. Und nur mit Leitungswasser fährt man 1000 Kilometer nicht durch, vor allem nicht bei diesem Wetter. Aber solche Fehler macht man nur einmal im Leben …

Was mich ein wenig aufbaute, war, dass die Temperaturen jetzt langsam etwas zurückgingen und die Nacht – die wir geplant hatten, durchzufahren – versprach, kühler zu werden. Auf jeden Fall war ich hier einerseits an meine persönlichen Grenzen gestoßen, andererseits hatte ich jetzt aber den festen Willen – solange nichts Schlimmeres passierte – diese zu überwinden und weiterzufahren. Und ich war mir sicher, dass meine beiden Mitfahrer zu mir stehen würden und das gab mit letztendlich die nötige Kraft dazu. Wir beschlossen zu fünft weiterzufahren und vor Einbruch der Nacht noch eine „richtige“ Mahlzeit einzunehmen. Während wir vor uns hinrollten machte ich einige Hochrechnungen und kam zu dem Schluss, dass wir an der nächsten Kontrollstelle in Thistedt erst weit nach 22:00 Uhr ankommen würden und es damit für ein Essen zu spät sein würde. Also machte ich den Vorschlag im nächsten größeren Ort Struer zu rasten. Dieser Vorschlag wurde allgemein angenommen und nach etwas Suche hatten wir Glück und fanden einen Italiener, der einen freien Tisch vor dem Lokal und Spaghetti auf der Speisekarte hatte. Wir bestellten fünf große Cola (und bekamen wirklich Riesen-Gläser) und drei Spaghetti Carbonara und zwei Spaghetti Bolognese. Bei netten Gesprächen und Pasta stieg die allgemeine Stimmung wieder an, es gab Gelegenheit sich kurz zu Hause zu melden und in Windeseile waren eineinhalb Stunden gemütlichen Beisammenseins um.

Nach dem ersten Schluck Cola ist schon wieder ein Lächeln zumute ...Gut gestärkt machten wir uns nun auf den weiteren Weg und wurden in Begleitung der untergehenden Sonne mit einer herrlichen Landschaft am Limfjord belohnt. Die Straße schlängelte sich direkt am Wasser und über Brücken entlang und das Fahren machte mir hier wieder richtig Spaß. Bei einem Stopp auf einem Rastplatz machten wir uns für die einbrechende Nacht fertig und dann saugte uns langsam die Dunkelheit auf. Thistedt erreichten wir gegen 23:45 Uhr bei Streckenkilometer 411 (Durchschnittsgeschwindigkeit 27,88 km/ h). Bei der Ortseinfahrt hatte Stefan einen heftigen Sturz, als er nach einer Abzweigung über einen Igel fuhr. Zum Glück war ihm nichts passiert, allerdings hatte seine Schaltung ein wenig gelitten. Da alle Tankstellen geschlossen hatten, versuchten wir einen Stempel an einem Hotel zu bekommen. Es stellte sich aber heraus, dass der Eingang den wir wählten, zu einem Altenheim gehörte. Anselm und Thies ließen sich den Weg zur Hotel-Rezeption beschreiben und holten unsere Stempel, während Stefan, Kalle und ich die Schaltung an Stefans Rad wieder flott machten. Danach fuhren wir gemeinsam in die Stadt, wo Stefan, Thies und Kalle in einer sehr zwielichtigen Kneipe (die örtliche Polizei empfahl uns, unsere Räder hier nicht aus den Augen zu lassen) noch einen Kaffee tranken. Ich zog es vor, nur meine Wasserflaschen aufzufüllen. Dann wurden wir wieder von der Nacht verschluckt.
Sonnenuntergang vom FeinstenStefan und Thies suchten sich nach einiger Zeit abseits der Straße eine geeignete Stelle im Feld, um randonneursmäßig unter freiem Himmel zu übernachten. Wir drei waren davon nicht ganz so angetan und hatten ja ohnehin geplant, die erste Nacht durchzufahren. Also verabschiedeten wir uns und fuhren weiter. Da sich aber auch bei uns langsam die Müdigkeit bemerkbar machte, beschlossen wir, einen Rastplatz anzufahren. Hier trafen wir im Dunkeln auf zwei weitere Mitfahrer, die dabei waren, sich auf eine Ruhepause einzurichten. Wir verteilten uns auf die vorhandenen Bänke und Tische und machten uns lang. Aber an Einschlafen war leider nicht zu denken, da Horden von Mücken um uns herum surrten und sich über so viel frisches Blut freuten. Anselm hielt es am kürzesten auf seinem harten Lager und schnell kam die Entscheidung: Weiterfahren. So kurbelten wir durch die Nacht und legten nur noch eine kurze Schlafpause sitzend auf einem Rastplatz direkt an der Straße ein. Ziemlich früh kam dann auch schon wieder die Morgendämmerung am östlichen Horizont in Sicht – man merkte, dass man schon ein ganzes Stück weit nördlich war. Jetzt wurde auch das Gelände hügeliger und es war ein eigenartiges Gefühl: Auf den Hügeln war es relativ warm und klar, in den Tälern lag Nebel und es war gefühlt um etliche Grad kälter – hier war ich froh, dass ich für die Nacht Armlinge und Knielinge angelegt hatte.
Schließlich erreichten wir am Samstag Morgen gegen 7:15 Uhr die nächste Kontrolle in Hirthals. 540 Kilometer und damit ziemlich genau die Hälfte der Strecke war geschafft, die Durchschnittsgeschwindigkeit lag bei 26,67 km/ h. Wir frühstückten kurz an der Tankstelle und füllten unsere Vorräte auf. Die Nacht-Ausrüstung wurde abgelegt und neue Sonnecreme aufgetragen. Dann ging es in den neuen Tag – aber zunächst nur einige Meter, da Kalle zwei Ecken weiter einen Platten hatte und wir eine Zwangspause einlegten. Danach ging es auf der noch relativ wenig befahrenen Straße 597 zunächst Richtung Nordosten weiter. Der nördlichste Wendepunkt unserer Tour – Skagen – lag nur noch 50 Kilometer entfernt – der Abschnitt Hirthals-Skagen war damit das kürzeste Teilstück der ganzen Tour. Bei Albaek bogen wir dann auf die Hauptstraße Nr. 40 ein, und ab hier änderte sich die Verkehrsdichte schlagartig. Zunächst hatten wir hier aber Probleme den rechten Weg zu finden und irrten eine Zeitlang im Ort umher, um schließlich vor einem Sandweg zwischen den Dünen entlang zu enden. Der Track zeigte zwar diese Richtung an und Stefan wollte uns auch tatsächlich dort entlang schicken, aber von uns wurde der Weg als mit dem Rennrad unfahrbar eingestuft und wir entschlossen uns, umzukehren und die Hauptstraße zu nehmen. Da diese jedoch nicht durchgängig mit einem Radweg ausgestattet war, hatten wir hier mit dem starken Verkehr zu kämpfen, der teilweise mit halsbrecherischem Tempo und Abstand an uns vorbeidonnerte. Zualledem hatte sich an dieser Straße das Hinterrad von Kalle entschlossen, erneut seine Luft zu verlieren, also suchten wir eine sichere Haltebucht und Kalle baute den zweiten Schlauch an diesen Tag ein.
Nachdem uns kurz zuvor ein anderer Randonneur entgegen gekommen war, erreichten wir endlich Skagen und holten uns um 10:40 Uhr einen Stempel in einem Möbelgeschäft am Ortseingang ab. Jetzt lagen 590 Kilometer hinter uns und mein Tacho zeigte 26,50 km/ h an. Wir ließen uns von einer Passantin unter dem Ortsschild von Skagen ablichten (als „Beweisfoto“) und fuhren ein Stück zurück und legten an einer Tankstelle eine kurze Pause ein. Dann ging es den gleichen Weg zurück über die Straße Nr. 40 bis nach Albaek, wo wir uns erneut verfuhren und auf eine Gruppe weiterer Randonneure trafen, die das gleich Problem hatten. Als wir dann endlich die richtige Richtung – nämlich die nach Frederikshavn – eingeschlagen hatten kam von Kalle die mittlerweile schon vertraute Meldung „Luftverlust am Hinterrad“ zum dritten Mal an diesem Tag. Leicht angefressen machte sich Kalle erneut ans Werk, diesmal bekam er einen Schlauch von Anselm und einen neuen Ersatzmantel von mir – beides sollte dann  übrigens bis nach Kiel durchhalten.

Am nördlichsten Punkten: Skagen ist erreicht Die Fahrt nach Frederikshavn war für mich wegen des Verkehrs das schlimmste Stück der gesamten Tour. Eine vernünftige Alternative zur Straße gab es leider nicht, wir fuhren aus Sicherheitsgründen in relativ großem Abstand hinter einander her und waren froh, als die Straßen später wieder kleiner und leerer wurden bzw. wir wieder Radwege benutzen konnten. In Details kann ich mich an dieses Teilstück nicht mehr erinnern, da ich am Ende meiner Kräfte war. Nur noch die Aussicht auf eine baldige Dusche und ein Bett hielten mich auf dem Rad. Schließlich erreichten wir Aalborg und Anselm führte uns dank GPS sicher durch die Stadt, u. a. auch über eine große Klappbrücke, die sich direkt vor uns gerade wieder schloss. Um 17:10 Uhr erreichten wir bei Kilometer 687 (Durchschnittsgeschwindigkeit 25,36 km/ h) dann unser Hostel und ich konnte mich gerade noch auf eine herumstehende Bank fallen lassen. Anselm erledigte die Anmelde-Formalitäten und während Kalle und ich uns dann zum Stempeln anstellten, brachte der gute Anselm noch unsere Sachen nebst Fahrrädern auf unser Zimmer. Leider müssen wir jetzt feststellen, dass es in diesem Hostel nichts mehr zu essen gab. Wir hätten in Aalborg auf Anselm hören sollen, der auf dem Hinweg vorgeschlagen hatte, dort zu essen (wir standen schon direkt bei McDonalds vor der Tür). Aber jetzt hatte keiner mehr Lust, noch mal auf’s Rad zu steigen, also mussten ein paar Kekse und eine Cola aus dem Kiosk reichen. Ich schaffte es gerade noch, zu duschen und zu registrieren, dass Deutschland Argentinien mit 4:0 geschlagen hatte. Zähneputzen und den Anruf zu Hause vergaß ich, da lag ich schon auf meiner notdürftig hergerichteten Matratze und schnarchte … … bis ich Kalle rufen hörte „Mist, wir haben verschlafen!“. „Es ist einundzwanzig Uhr zehn!“ kam die Antwort von Anselm und sofort waren wir alle wieder eingeratzt.
Um 23:30 Uhr klingelte dann der Wecker wie geplant. Das erste was ich hörte war, dass es draußen wie aus Kübeln schüttete. Außerdem konnte ich Blitz und Donner ausmachen; die Wettervorhersage war also tatsächlich eingetreten. Wir packten innerhalb von 30 Minuten unsere Sachen zusammen und machten das Zimmer klar. Dann noch vor der Tür ein Foto mit Selbstauslöser und um 0:15 Uhr saßen wir wieder auf den Rädern und fuhren durch die leeren und nassen Straßen von Aalborg. Wie wohltuend doch eine Dusche und fünf Stunden Schlaf in einem richtigen Bett sein können, es zeigte sich, dass unsere „komfortable Taktik“ die richtige war. Im Vergleich zum Nachmittag fühlte ich mich fast wie neu geboren. Und – so verrückt das auch klingen mag – das Wetter kam mir sehr entgegen. Die Temperaturen waren einigermaßen angenehm und das Gewitter machte mir nicht viel aus. So gut hatte ich mich seit sehr vielen Kilometern nicht mehr gefühlt und so führte ich unsere kleine Gruppe durch die Nacht. Zuerst wählten wir hinter Aaalborg den Radweg, der aber aufgrund der heftigen Regenfälle teilweise stark mit Sand und Schlamm überspült war und damit gefährlich zu fahren war. Außerdem hatte Anselm nach etwa einer Stunde einen Platten am Vorderrad. Nach dieser Zwangspause entschieden wir uns, auf der wenig befahrenen Straße weiter zu fahren, was unterm Strich erheblich entspannter war. Überall auf der Straße lagen kleine, platt gefahrene Frösche umher. So kamen wir stetig voran und erreichten Hobro, wo wir eine kleine Pause an einer geschlossenen Tankstelle einlegten. Es regnete noch immer heftig, aber die Gewitter waren vorbeigezogen. Aufgrund des Wetters wurde es an diesem Tag erst erheblich später hell und wir ließen unsere Beleuchtung relativ lange an. Die weitere Strecke führte dann über kleine Straßen und ziemlich hügeliges Gelände bis nach Silkeborg, wo wir gegen 6:40 Uhr ankamen und an der uns vom 600er bekannten Tankstelle stempelten. Wir hatten jetzt 807 Kilometer hinter uns (24,51 km/ h). McDonalds hatte um diese Zeit am Sonntag noch geschlossen, also wurde es dort nichts mit dem Frühstück. Dafür trafen wir an der Tankstelle überraschenderweise auf Helle und Björn, die zwar in beiden Nächten geschlafen hatten, dafür aber unter freiem Himmel bzw. in einer Scheune übernachteten. Wir frühstückten zusammen (Kakao und Brötchen) und dann fuhren die beiden zügig los, da Björn in Kiel noch einen bestimmten Zug erwischen wollte. Helle kündigte zwar an, sich eventuell irgendwann uns anschließen zu wollen, aber wir sollten sie bis Kiel nicht wieder sehen.
Wir dehnten unsere Pause noch ein wenig aus (ich hatte dringende größere Geschäfte abzuwickeln) und fuhren dann gestärkt wieder los. Ab Silkeborg war es dann vorbei mit dem Regen und später konnten wir unsere Regen-/ Nachtklamotten wieder ablegen und dafür Sonnencreme auftragen. Den Bogen nach Horsens ließen wir diesmal aus und bogen irgendwann rechts ab, um den direkten Weg nach Süden in Richtung Vejle zu nehmen. In Vejle durchquerten wir fast die ganze Stadt um am südlichen Ende bei einem Burger King einzukehren (10:22 Uhr, Streckenkilometer 869, 24,38 km/ h). Hier gab es endlich mal wieder etwas Warmes zu essen und Pommes und Burger rutschten mit viel Cola auch erstaunlich gut runter, während unter dem Tisch die Füße lüfteten. Den Stempel holten wir uns am Informationsschalter in einem ganz neuen Einkaufszentrum.

... nicht immer nur flach ...So gestärkt und mit vollen Vorräten wartete bei der Ausfahrt aus Vejle der nächste Hammer auf uns: Der Kiddesvej mit einer Steigung von 23 %. Nicht sehr lang, aber knackig und so, dass es nach 870 Kilometern und bei über 30°C richtig weh tut. Ich schaffte es mit „kreuzen“ über die Straße, diese Steigung ohne abzusteigen zu meistern – gelobt sei der Dreifach-Antrieb. Der Kiddesvej ist übrigens in Abwärtsrichtung nicht ganz grundlos für Fahrräder und Mopeds gesperrt. Danach gab es noch einige nicht ganz so heftige Hügel, aber insgesamt ist die Ausfahrt aus Vejle ein echtes Erlebnis (beim 600er hatten wir übrigens eine etwas weitere aber dafür nicht ganz so steile Variante gewählt). Ab hier war die Strecke dann wieder mit der vom 600er identisch. Es ging durch Kolding und Haderslev, wo uns eine riesige Baustelle etwas behinderte und einige Schiebe-Einlagen erforderte. Die letzte Kontrolle in Dänemark in Åbenrå erreichten wir gegen 15:10 Uhr bei Kilometer 952 (24,11 km/ h). Eine letzte kurze Pause auf dänischer Seite legten wir an einem schattigen Rastplatz ein und dann ereichten wir endlich wieder deutschen Boden und fuhren über Wassersleben nach Flensburg hinein. Hier war wieder ein höllischer Trubel mit jeder Menge Autos und Menschen, von dem ich fast erschlagen wurde. Ich hatte auf einmal nach der tagelangen dänischen Ruhe zu viele Eindrücke zu verarbeiten, was mich in diesem Moment etwas überforderte. Daher legten wir am Ortsausgang von Flensburg noch einmal eine Pause bei Burger King ein und ich nahm einen Burger und eine Cola für den „Endspurt“ zu mir.
Inzwischen hatte ich zunehmend Schmerzen und vor allem Kraftverlust  besonders im linken Arm und merkte, dass das Sitzfleisch inzwischen vollkommen durchgesessen und offen war. Aber Aufgeben kam jetzt natürlich nicht mehr in Frage. Also hängte ich mich zwischen Kalle und Anselm und wir rollten zunächst den Radweg und dann die alte Landstraße mit ihrem Flickenteppich und Kopfsteinpflaster entlang bis nach Schleswig, das wir um 19:38 Uhr bei Kilometer 1016 mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 23,89 km/ h erreichten. Hier gab es einen Stempel an der ARAL-Tankstelle, womit der 1000er eigentlich schon gefinisht war, und ich meldete mich endlich mal wieder zu Hause. Klasse war die Frage von der Stempel-Frau an der Kasse: „Wollen Sie heute noch mit dem Rad bis nach Kiel? Ist das nicht zu warm?“. Nachdem ich ihr erklärt hatte, wo wir herkamen, konnte sie nur noch mit dem Kopf schütteln und sagte nichts mehr.
Die letzte Etappe bis nach Kiel legten wir dann auf kürzestem Wege hauptsächlich auf dem Radweg neben der Bundesstraße zurück, wobei wir noch Gettorf und Eckernförde durchquerten und zum Schluss wieder über die alte Hochbrücke den total still daliegenden NOK überwanden. Den letzten Stempel an der HEM-Tankstelle in Kiel bekamen wir um 22:11 Uhr (Kilometer 1069, 23,46 km/ h). So richtige Freude wie nach dem 600er wollte bei mir diesmal nicht aufkommen, wahrscheinlich war ich dafür einfach zu fertig. Ohne großen Aufenthalt fuhren wir dann noch die letzten 11 Kilometer bis zum Kanu-Heim durch Kiel, meistens auf dem Radweg und mit eingeschalteter Beleuchtung. Das Bremsen und auch das Halten des Lenkers fielen mir jetzt richtig schwer. Am Kanuheim warteten bereits die Frauen von Anselm und Kalle und so kamen wir noch zu einem Dreier-Zielfoto sowie zu einem leckeren Tee. Danach verabschiedeten wir uns voneinander und Kalle und Anselm Das glückliche Trio am Zielwurden nach Hause chauffiert, die beiden wollten am nächsten Tag wieder zur Arbeit. Ich packte meine Sachen ein und schlief noch drei Stunden im Auto, bevor ich mich dann gegen 2:30 Uhr auf den Heimweg machte.

Ein paar Zahlen zu diesem Brevet:

  • Brutto Fahrzeit: 65:00 Stunden (Fr., 02.07. 5:15 Uhr bis So., 04.07. 22:11 Uhr)
  • Netto-Fahrzeit: 44:33 Stunden
  • Fahrstrecke: 1080 km (nach meinem Tacho 1056 km)
  • Durchschnitt brutto: 16,62 km/ h
  • Durchschnitt netto: 23,69 km/ h
  • Höhenmeter:  ca. 4000
  • Max. Geschw.: 54,61 km/ h

 


Roadbook 1000 Kilometer-Brevet 02.07.2010 – 04.07.2010

 

Ort

km

total

open / close

Zeit geplant

Zeit tatsächlich

km/ h netto

Kiel

0

0

05:00 / 02.07

05:00 / 02.07.

05:15 / 02.07.

--

Padborg

104

104

08:04 / 02.07.

11:56 / 02.07.

10:00 / 02.07.

9:00 / 02.07.

29,50

Esbjerg

110

214

11:08 / 02.07.

18:52 / 02.07.

15:30 / 02.07.

13:05 / 02.07.

29,00

Holstebro

112

326

--

21:30 / 02.07.

18:30 / 02.07.

28,39

Thistedt

85

411

17:28 / 02.07.

08:20 / 03.07.

02:00 / 03.07.

23:45 / 02.07.

27,88

Hirthals

129

540

21:46 / 02.07.

16:56 / 03.07.

09:00 / 03.07.

07:15 / 03.07.

26,67

Skagen

50

590

23:26 / 02.07.

20:16 / 03.07.

12:00 / 03.07.

10:40 / 03.07.

26,50

Aalborg

97

687

02:54 / 03.07.

04:37 / 04.07.

17:00 / 03.07.

Pause bis 01:00

17:10 / 03.07.

Pause bis 00:15

25,36

Silkeborg

120

807

07:12 / 03.07.

15:07 / 04.07.

07:00 / 04.07.

06:40 / 04.07.

24,51

Vejle

62

869

09:24 / 03.07.

20:32 / 04.07.

10:00 / 04.07.

10:22 / 04.07.

24,38

Aabenraa

83

952

12:22 / 03.07.

03:48 / 05.07.

14:30 / 04.07.

15:10 / 04.07.

24,11

Schleswig

64

1016

14:42 / 03.07.

09:12 / 05.07.

17:30 / 04.07.

19:38 / 04.07.

23,89

Kiel

53

1069

16:44 / 03.07.

13:11 / 05.07.

20:30 / 04.07.

22:11 / 04.07.

23,46

Kiel Kanuheim

11

1080

--

21:00 / 04.07.

22:40 / 04.07.

23,69

 

 

 

 
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