Sa Apr 01 @08:00
Fischbrötchen Brevet
 

Ostholstein-Brevet
Neumünster – Scharbeutz – Schönberg – Ascheberg – Neumünster
203 km

13.03.2010

Endlich – die erste Tour der Saison 2010!

Nachdem der Saisonstart 2010 eine Woche zuvor in Norddeutschland komplett dem Schnee zum Opfer gefallen war (nur 9 ganz unerschrockene Fahrer haben am 06.03. das erste ARA-Brevet in Kiel bei eisglatten Straßen und 25 cm Neuschnee gefahren), ging die neue Straßensaison mit einer Woche Verspätung in Neumünster und mit dem von Knut organisierten Ostholstein-Brevet los.

 Woww - Hindernisse auf einem Brevet ...

Gegen 6:30 machte ich mich mit etwas gemischten Gefühlen mit dem Auto auf den Weg zum Startort Neumünster-Tungendorf. So schlecht vorbereitet war ich noch nie zu einem Marathon angereist. Aber der Winter mit praktisch durchgängig Schnee und vor allem Eis auf den Straßen seit Weihnachten hatte einfach keine bessere Vorbereitung erlaubt – zumindest nicht auf der Straße, und für wahre Randonneure gibt es dazu keine Alternative. Auf der Autobahn kamen einige Regenschauer herunter, was die Stimmung auch nicht gerade anhob. Aber es waren wenigstens knapp über null Grad und nur noch wenig Schnee auf den Feldern zu sehen – nach den letzten drei Monaten war man mit diesen Bedingungen schon hochzufrieden. Am Startort waren bereits einige der „üblichen Verdächtigen“, die jeden Brevet und Marathon mitfahren, versammelt. Das ist dann jedes Jahr so, als ob man nach langer Abwesenheit wieder zur (Randonneurs)-Familie zurückkehrt.

 

Neben Knut waren z. B. Michael Nagel, Herrmann Piepereit, Burkhardt Sielaff, „Kalle“ Gerd-Arthur Kaluschke-Peter, Anselm Steinmetz, Carsten Schwarzer, Thorsten Manecke und Stefan Landtau mit dabei. Stefan, den ARA-Organisator aus Kiel, habe ich so das erste Mal richtig kennengelernt, nachdem ich in der letzten Woche ja nicht in Kiel war und ihn bisher nur flüchtig kannte. Nach Übergabe der Startunterlagen und einem Blick auf die von den Anderen bereits ausgepackten Räder entschloss ich mich, mit dem Crosser zu fahren. Ich hatte vorsorglich auch das Rennrad dabei, aber bei den Wetter- und Straßenverhältnissen erschien mir der zwar schwerere, aber dafür mit „Winterausrüstung“ ausgestattete Crosser doch passender. Neue Rekordzeiten würde ich in meinem Trainingszustand ohnehin nicht fahren können …

Pünktlich um 8:00 Uhr gab Knut dann das Startzeichen und die geschätzten 30 Randonneure machten sich auf den Weg. Zunächst ging es in einer relativ großen Gruppe und mit Rückenwind Richtung Westen. Obwohl sich die Geschwindigkeit so um die 30 km/h bewegte, blieb mir genug Zeit und Luft, mich u. a. mit Michael und Stefan etwas ausführlicher zu unterhalten. Ich erfuhr unter anderem, dass Michael im letzten Jahr 32.000 km gefahren hatte und im Winter bestimmt 25 Mal gestürzt ist und allein im Januar 9 Schläuche verbraucht hatte. Zur Zeit litt er noch unter einem am letzten Wochenende bei der Tour Hamburg-List zugezogenen Rippen-Anbruch. Jens Kussler hatte sich bei einem Sturz ebenfalls einen Rippenbruch zugezogen.

So langsam ging mir auf, dass ich mit meinen Erfahrungen im Winter und meiner derzeitigen Form doch nicht ganz alleine dastand – Anderen erging es genauso. So rollten wir zunächst gemeinsam über kleine und ruhige Wege dahin, die in besserem Zustand waren als ich erwartet hatte. Nur auf Schlaglöcher musste man verstärkt achten, aber auf den Crosser mit 32er Reifen und Anti-Platt-Einlage war es nur halb so schlimm, wenn man mal eines erwischte. Einige mußten jedoch wegen Platten Zwangspausen einlegen. Nach gut 50 Kilometern bogen wir in einen befestigten Wirtschaftsweg ein, den das Schild „Kein Winterdienst“ schmückte. „Na gut“, dachten wir uns, „kein Problem, bisher war ja auch alles frei, also weiter“. Nach etwa 500 m mußten wir dann feststellen, dass das Schild doch seine Berechtigung hatte: Eine etwa 1,20 m hohe Schneewehe bzw. von Räumfahrzeugen höher als unsere Räder zusammengeschobener Schnee türmte sich vor uns auf. Weiterfahrt unmöglich! Ruckzuck schnappte sich Stefan als erstes sein Rad und erklomm den Schneeberg – er hatte vom letzten Samstag ja reichlich Übung mit solchen Aktionen. So wankten und rutschten wir hintereinander durch den leicht angetauten Schnee, teilweise bis zum Knie versinkend. Im folgenden lag über etwa einen Kilometer immer wieder mehr oder weniger viel Schnee auf der Straße, so dass Fahren nicht wirklich möglich war. Ein holzsägender Landwirt, den wir passieren mussten, hatte für unsere Gruppe nur ein verständnisloses Kopfschütteln übrig.

Nach dieser Passage war die Gruppe komplett zerfallen. Hinter mir kam länger nichts, und so entschloss ich mich, zu dem vor mir fahrenden Herrmann aufzuschließen, der genau meine Geschwindigkeit fuhr. So fuhren wir gemeinsam nebeneinander und kamen das erste Mal dazu, ein wenig zu plaudern, nachdem wir im letzten Jahr so viele Veranstaltungen zusammen bestritten hatten, uns aber nie richtig unterhalten hatten. Nach etwa 73 Kilometern erreichten wir dann gegen 10:25 Uhr die erste Kontrolle an einer Tankstelle in Scharbeutz. Herrmann wollte keine Pause machen und fuhr sofort weiter. Ich wollte mir ordnungsgemäß meinen Brevet-Stempel abholen und stellte mich an einer langen Schlange an der Kasse an. Nebenbei konnte ich einige meiner Nutella-Rosinenbrote verspeisen. Draußen gab es dann noch eine Pullerpause und der Tourenzettel wurde für den nächsten Abschnitt umgestellt. Inzwischen kamen drei Fahrer des ABC Wesseln und Stefan an, die ich aufgrund von Platten zuvor mit Herrmann überholt hatte. Da Stefan in der Tankstelle verschwunden war entschied ich mich mit den drei ABC’lern weiterzufahren, um nicht zu kalt zu werden.

Nach dem Durchqueren von Scharbeutz mit Fahrt direkt an der Qstsee-Promenade entlang ging es in nördlicher Richtung nach Malente und Plön weiter und der Wind kam nun direkt von vorne. Da teilweise sehr heftiger Wind bis Sturm herrschte, ging die Geschwindigkeit ganz erheblich runter. Außerdem waren einzelne Streckenabschnitte auf Radwegen zu fahren und es wurde richtig hügelig. Ich hielt mich mit der Führungsarbeit zurück und versuchte Kräfte zu sparen. Einer der drei Wesselner schwächelte bereits und hielt sich mit mir zusammen hinten. An einer großen Kreuzung verfuhren wir uns leicht und landeten auf einer für Radfahrer gesperrten Schnellstraße. Das war aber auch der einzige Punkt in Knut’s hervorragender Streckenbeschreibung, der zweifelhaft war – ansonsten war das Roadbook einsame Spitze. Da die drei Mitfahrer auf jeden Fall zusammenbleiben wollten und einer von ihnen immer langsamer wurde, ergab es sich, dass ich schließlich alleine weiterfuhr. Dabei kam ich mir – alleine gegen den Wind und die Hügel ankämpfend – mit meinem zwischen 15 und 25 km/h pendelndem Tempo wie eine Schnecke vor und ich erwartete, jeden Moment vom gesamten Feld überholt und stehengelassen zu werden.

Aber nichts dergleichen geschah, und so fuhr ich etwa 35 Kilometer alleine, bis mich etwa ein Kilometer vor der zweiten Kontrolle in Schönberg bei Streckenkilometer 130 ein Einzelfahrer einholte, dem ich aber nicht folgen konnte. Zu meiner großen Überraschung traf ich an der Tankstelle in Schönberg auf Herrmann, Kalle und Anselm. Die waren also auch nicht schneller vorangekommen als ich. Nur Michael und Carsten waren als Spitzenduo bereits wieder weg. Nach einer kurzen Pause und einem Stempel fuhr ich dann mit Herrmann, Kalle und Anselm gemeinsam weiter. Außer Anselm, der im Winter viel Indoor-Cycling betreiben hatte, waren wir alle in einer ähnlichen Verfassung und fuhren in einem langsamen, für uns noch angenehmen Tempo weiter. Herrmann, der ja schon immer am liebsten alleine unterwegs war, fiel irgendwann leicht zurück und Anselm zog mit dem Einzelfahrer nach vorne davon, so dass ich zusammen mit Kalle unterwegs war. Inzwischen wunderte es mich, dass ich bisher noch nicht gefroren hatte. Mein HAC zeigte inzwischen aber auch schon 8°C an und es hatte seit dem Start nicht mehr geregnet, teilweise kam sogar die Sonne durch. Auch die Füße waren in Überschuhen, Trekkingschuhen mit Thermosohlen und wasserdichten Socken noch warm, was mir nach so langer Fahrzeit den ganzen Winter nicht passiert war, spätestens nach zwei Stunden waren die Füße immer kalt. Kalle hatte zunehmend mit Krämpfen zu tun, was seiner Geschwindigkeit aber keinen Abbruch tat, für mich waren wir immer noch schnell genug. Bekanntlich lässt mit abnehmender Kondition aber auch die Konzentration nach, und so fuhr Kalle in langsamer Fahrt bei bester Sicht und gerader, leicht bergan führender Strecke frontal gegen ein auf einer kleiner Insel stehendes Verkehrsschild und prallte hart ab. Mein Rufen kam leider einen Augenblick zu spät für ihn, aber ich hatte nicht wirklich geglaubt, dass er das Schild nicht sehen würde. Zum Glück war ihm nichts passiert und auch das Rad war unbeschädigt, so dass wir weiterfuhren konnten.

In dem jetzt bewährten Stil fuhren wir zusammen mit Anselm langsam weiter - mal überholte uns Herrmann, mal wir ihn – und so erreichten wir gemeinsam die letzte Kontrolle in Ascheberg bei Streckenkilometer 173. Hier gab es die für den Endspurt übliche Cola und zwei Mars-Riegel. Inzwischen kam auch Stefan an und so fuhren wir zu viert weiter (alle vier hatten für 2010 übrigens die Brevet-Serie 200 – 300 – 400 – 600 in Kiel geplant), bis sich bei Stefan und Anselm kurz hintereinander die Blasen bemerkbar machten und sie kurz zurückblieben. Kalle und ich sollten in unserem langsamen Stil weiterfahren und die beiden wollten uns wieder einholen. Wir fuhren auch konstant weiter, wurden allerdings bis zum Ziel nicht wieder eingeholt. So erreichten wir zu zweit Neumünster-Tungendorf nach 203 Kilometern, ca. 800 Höhenmetern und einer Bruttofahrzeit von 8 Stunden und 57 Minuten (netto 8 Stunden 19 Minuten). Das war mit einer Durchschnitts-Geschwindigkeit von 24,40 km/h mit Abstand der langsamste Marathon meines Lebens, wahrscheinlich sogar die langsamste Tour überhaupt. Aber trotz erheblicher

Konditions-Defizite meisterten wir die Strecke ohne größere Beschwerden und waren hinterher zwar erschöpft, aber nicht völlig platt. Das verstehe ich unter randonneurs-mäßigem Fahren! Am meisten hat mich gewundert, dass wir nach dem Duo Michael + Carsten (Bruttofahrzeit 8 Stunden 20 Minuten) sowie den drei Wesselnern ins Ziel kamen, also noch viele Fahrer hinter uns waren. War ich also doch nicht der Einzige, der nicht topfit aus der Winterpause kam – das beruhigt irgendwie. Aufgrund der besonnenen Fahrweise und realistischen Einschätzung der Lage hat die erste Tour des Jahres sehr viel Spaß gemacht, auch wenn keine Höchstleistungen geboten werden konnten. Im Vereinsheim gab es dann die erste Eintragung in die 2010er Wertungskarte (5 Punkte), sowie Erbsensuppe mit zwei Bockwürsten und Klönschnack mit Kalle, Anselm, Stefan, Michael, Thorsten und Herrmann. Man verabredete sich zum nächsten 200er Brevet am 27.03 in Kiel. Abends gab es nach einer heißen Dusche noch lecker Raquelette bei unseren Nachbarn und um 1:00 Uhr fiel ich schließlich in einen tiefen, zufriedenen Schlaf.

Michael

 

 
FC St. Pauli Radsport
FC St. Pauli Radsport
FC St. Pauli Radsport
FC St. Pauli Radsport