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Fischbrötchen Brevet
 

Pässe bis zum Abwinken

Ötztaler Radmarathon 2008

31.08.2008

Auffahrt nach Kühtai Noch zum Lachen zumute ...

Wir hatten gedacht, ein Radmarathon kann einen Paulianer doch nicht mehr aus der Fassung bringen. 5.500 Höhenmeter, 238 km, ... ha'm wir alles schon gemacht. Berge bzw. hohe Passstraßen in den Alpen können uns nicht schocken, im Gegenteil, immer wieder zieht es uns dorthin. Aber an diesem Tag sollte es anders kommen ...

Im März d. J. (noch kaum einen Radkilometer absolviert) ging ich mit meinem Nachbarn und Vereinskollegen die Saisonplanung durch. Die meisten RTFs waren schon abgesprochen, auch der Arber Radmarathon war anvisiert. Es fehlte aber noch ein Saisonhöhepunkt. Schnell war er gefunden: endlich selbst den Ötztaler Radmarathon fahren, selbst teilnehmen am Highlight der Radsport-Welt! Und schon kurze Zeit später war es soweit: Wir waren unter den vielen Bewerbern ausgelost worden: wir hatten Startplätze!

Das Ötztal ist ein sehr lang geschnittenes Tal im Südwesten Tirols, das mit seinen höchsten Bergen Weißkugel und Similaun (Fundort »Ötzis«) direkt an Südtirol/Italien grenzt. Im Sommer gibt es mit der über 2.500 m hoch gelegenen Passstraße über das Timmelsjoch auch eine Straßenverbindung dorthin.
Der Ötztaler Radmarathon findet seit 1982 jedes Jahr Ende August statt. Er führt in einer Schleife von Sölden (grässlicher Skiort im Ötztal) über vier Pässe - Kühtai/Stubaital, Brenner, Jaufenpass und Timmelsjoch (beide in Südtirol gelegen) - zurück nach Sölden (genauer Streckenverlauf siehe http://www.oetztaler-radmarathon.com/main/DE/OR/strecke/streckenverlauf/index.html).
Von diesen Pässen kann als Highlight und gleichzeitiger Scharfrichter die 25 km lange Aufahrt zum 2.509 m hoch gelegenen Timmelsjoch angesehen werden. Wie bei vielen großen Hobby-Radsportveranstaltungen erfolgt eine Zeitnahme mit Transponder; die Auswertung ist allerdings viel detaillierter als bei diesen, siehe z. B. http://services.datasport.com/2008/velo/oetztaler/RegionD_HH.HTM: es werden neben der Endzeit nicht nur Zwischenzeiten berechnet, sondern zusätzlich auch die einzelnen Zeiten, für Streckenteilabschnitte, wie z. B. Ötz-Kühtai.
»Dieser Radmarathon hat offiziell eine Länge von 238 km und führt über 5500 Höhenmeter (laut Angabe in der Ausschreibung für 2008 hat er tatsächlich 227 km und 5508 Höhenmeter (GPS-vermessen)). Er gilt unter Hobbyradfahrern als extrem schwierig. Trotzdem versuchen jedes Jahr Zehntausende einen der 4000 Startplätze zu ergattern.« (Quelle: Wikipedia).

Als es dann nach dem Sommerurlaub endlich Zeit war, dorthin zu fahren, waren wir beide guter Dinge. Wir hatten (für unsere Verhältnisse) viel trainiert (mehr als 5.000 Trainingskilometer) und uns auch speziell auf das Bergprogramm vorbereitet. Und: für das Austragungswochenende war bestes Wetter angesagt worden. Am Freitag, den 29.08. starteten wir dann: zunächst auf die Autobahn, um die 1.100 km ins Ötztal zurückzulegen (was an dem Tag zum Glück kein Problem darstellte). Im Ötztal angekommen, bestätigte sich die gute Wettervoraussage. Nicht nur deshalb waren wir in Bestlaune: überall gleichgesinnte Radsportler/innen, z. T. noch dabei, die Strecken zu inspizieren bzw. die letzten Trainingskilometer zu absolvieren.
Am Sonntag, direkt zum Sonnenaufgang um 6:45 standen wir mit den anderen 3.998 am Start: von diesen 134 Frauen, 690 Italiener/innen, 573 Österreicher/innen, 3 US-Amerikaner, 2 Kanadier, 1 Kreter, 1 Australier, 1 Japaner, ... Anders gesagt: wir waren mit den männlichen deutschen Fahrern einfach die erdrückende Mehrheit. Nur zu Vermuten war zu diesem Zeitpunkt, dass sich unter diesen 4.000 die Créme de la Créme der Hobby-Radsportlerinnen aufhielt (zumindest für Hamburg lässt sich das bestätigen, wenn man sich z. B. das Ergebnis der RG Uni Hamburg mit einer Bestzeit von 8:45 anschaut, siehe http://services.datasport.com/2008/velo/oetztaler/RegionD_HH.HTM). Noch mehr als die Fahrer/innen war das mitgeführte Material vom Feinsten: so viele Cervelos, Pinarellos, Colnagos, Scotts, Giants usw. habe ich noch nie auf einem Haufen gesehen. Carbon dominierte; jeder Teilnehmer hatte tausende in das Material investiert.
Auffällig dann die Professionalität des Rennens selbst: Hubschrauber, eine Vielzahl von Service-Fahrzeuge, Sani-Motorräder und -transporter ... und die unvermeidliche Besenwagen-Kolonne.
Nach dem Start um 7:00 ging es sofort zügig und hektisch in die ersten 20 km das Ötztal etwas herab. Wie so häufig auf solchen Massenveranstaltungen führte die Hektik sofort zu den ersten schweren Stürzen - schon wenige Kilometer nach dem Start musste deshalb sogar das Feld gestoppt werden. Ich selbst hielt mit aus dieser Hektik lieber etwas heraus: ich wollte die schweren Pässe bewältigen und mich nicht auf »Flachkilometern« verausgaben oder gar zum Sturz kommen. So musste ich meinen Kollegen ziehen lassen, den das Adrenalin bereits gepackt hatte.
Als es dann kurz hinter Ötz in die ca. 17 km lange Auffahrt nach Kühtai ging, war ich in Bestlaune - und immer auf der Übeholspur. Viele fuhren hier sehr langsam: entweder aus taktischem Kalkül oder weil sie hier bereits am Limit waren. Davon sah ich nicht wenige - darunter viele, die einfach zuviel Masse mit sich »schleppten«.
Vorbildlich: in jedem größeren Pulk, den ich durchfuhr, hielt sich ein Service-Fahrzeug auf. Im Falle einer Reifenpanne waren die Techniker sofort mit einem Ersatzlaufrad zur Stelle: ein Service, von dem man bei den meisten Radmarathons und Jedermannrennen nur träumen kann!
Nach ca. 49 km auf der Passhöhe in Kühtai, einem Skitouren-Ausgangspunkt im Stubaital, die erste Verpflegung. Dort ein unglaubliches Angebot an Getränken und Nahrung: davon am besten die berühmten »Ötztaler Kraftkugeln« (aus Trockenobst, Nüssen und Kokos angemischt: superlecker). Leider war die Hektik des Teilnehmer/innenfeldes hier noch nicht beendet, so dass häufig von links und rechts Ellenbogen, Radlenker, Fußtritte u. a. zu verspüren waren.
Ich wurde häufiger auf mein FC St. Pauli-Outfit angesprochen: den einen gefiel das Design, die anderen äußerten Sympathie für den Verein oder beides. Schließlich sprach mich ein Bremer Fahrer an, der etwa auf meinem Niveau fuhr und berichtete von den Bremer St.Pauli-Mitgliedern.
Von Kühtai hinab in Richtung Sellrain ging es über eine technisch einfache, aber sehr steile und damit schnelle Abfahrt. Selbst mit »gezogener Bremse« hatte ich streckenweise über 90 km/h auf dem Tacho. Links von mir surrte es nur so vorbei: die meisten werden wohl die 100 km/h »geknackt« haben. Kurz vor dem Ort Sellrain am Ende der Abfahrt dann ein stechender Schmerz im linken Auge: eine Entzündung, die sich dann im weiteren Verlauf den Weg durch Auge und Nase suchte. Zu dem Schmerz kam die eingeschränkte Sicht.
Zunächst wurde ich aber im flachen Inntal erst einmal positiv abgelenkt: strahlendes Sonnenwetter und richtige Hitze, also beste Bedingungen für einen Bergmarathon. Ab Innsbruck ging's dann auf den Brennerpass, wo ich noch einmal ordentlich vorpreschte. Dies war allerdings schwieriger, da es hier viel windiger bei weitem nicht so steil war. Ideal wäre das Fahren in Gruppen gewesen. Die Gruppen, an die ich jeweils heranfuhr, waren mir aber einfach zu langsam.
Auf der auf der Passhöhe gelegenen Verpflegung nach etwas über 120 gefahrenen Kilometern versuchte ich, mein Auge versorgen zu lassen. Zunächst wurde mir geboten, auf einen Arzt zu warten. Als dieser nach einer knappen halben Stunde immer noch nicht kam, wurde mir mitgeteilt, dass man sowieso auf ein entzündetes Auge nicht eingestellt wäre. So fuhr ich dann weiter: unspektakulär über die italienische Grenze nach Sterzing und dann auf den Jaufenpass, der Sterzing mit Meran verbindet. Dieser etwa 15 km lange Pass ist recht locker zu fahren, d. h. nicht so steil wie z. B. Kühtai. Allerdings war allen Teilnehmer/innen anzumerken, dass sie bereits zwei Pässe hinter sich hatten. Das Tempo sank bei vielen auf unter 10 km/h. In fast jeder Kehre stand jemand am Straßenrand. Aus Service-Fahrzeugen wurden nicht nur Laufräder, sondern auch Wasser und Bananen gereicht.
Transparent am Jaufenpass Entsprechend war die Stimmung auf der nächsten »Labestation« auf dem Jaufenpass nach ca. 155 km schon etwas gedämpfter. Einige waren schier am Ende und mussten sich übergeben.
Die nun folgende Abfahrt nach St. Leonhard war eigentlich weder schwierig noch schnell, aber mein Auge schmerzte und lief, was das Zeug hielt. So war ich froh, als es bei St. Leonhard bereits wieder bergauf ging. 25 km auf das Timmelsjoch. Hier war allerdings bei den meisten die gute Laune verflogen; trotz nach wie vor strahlendem Sonnenwetter - oder gerade? Ich selbst ließ es anfangs zu schnell angehen, überhitzte auf einmal total und musste jetzt auch an den Straßenrand fahren. Schnell wurde auch ich vorbildlich mit Wasser und Bananen versorgt. Danach konnte ich weiterfahren; allerdings musste ich jetzt auch die Geschwindigkeit reduzieren: über 10 km/h war kaum noch drin. Nach ca. 15 km auf der nächsten »Labestation« in Schönau (beim Kilometerstand von ungefähr 195) ließ sich dann auf einmal beobachten, wie das Wetter umschlug und sich auf dem Timmelsjoch (noch 400 Höhenmeter weiter) ein Gewitter entfaltete. Die Abfahrt nach Sölden sollte also zur Regenabfahrt werden? Und das mit meiner »Sichtbehinderung«?! Nach einiger Bedenkzeit entschloss ich mich zur Aufgabe. Das Wetter wurde immer schlechter, jetzt auch direkt vor Ort (hier allerdings Unterstellmöglichkeiten). Jetzt hieß es, auf den nächsten Besenwagen zu warten - für mich eine neue Erfahrung. Das Warten nahm leider viel Zeit in Anspruch: zunächst kamen viele davon bereits »ausgebucht« an. Da (wie später zu lesen war) etwa 550 Teilnehmer/innen »aufzukehren« waren, kam erst ca. 2 Stunden später ein Fahrzeug mit Aufnahmekapazitäten. Aber auch dieser Teil der Veranstaltung hochprofessionell organisiert: die Räder wurden in enem anderen Fahrzeug abgegeben und wurden mit Startnummer registriert, um dann später in Sölden nur gegen Vorlage der Startnummer wieder ausgegeben zu werden.
Etwas Unterhaltung bekam ich von dem bereits in Kühtai angetroffenen Bremer Fahrer, der sich aus ähnlichen Gründen wie ich hier in Schönau zur Aufgabe entschieden hatte; dazu kam noch ein lustiger Holländer mit einem Traum von Colnago-Maschine. Im Besenwagen war leider viel »Elend« zu beobachten. Ab und zu musste auch gestoppt werden, da sich einzelne wieder übergeben mussten.
In Sölden angekommen, konnte ich meinen Vereinskollegen in Empfang nehmen, der mit einer sehr respektablen Zeit von knapp unter 11 Stunden und Platz 2001 »gefinisht« hatte, Bravo!
Hinterher das Grübeln: war meine Entscheidung richtig? Einerseits waren die Abfahrten mit dem »Matschauge« quälend, andererseits war ich so kurz vor dem Ziel (weniger als 40 km dorthin). Wie auch immer ...
Fazit: eine klasse Veranstaltung. Der beste, professionellste und schwierigste Radmarathon, an dem ich teilgenommen habe. Und zum »finishen« muss ich halt wiederkommen :-)

 
FC St. Pauli Radsport
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