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Auf den Pavés Land und Leute kennenlernenKnelly

Knelly und Matze bei der Jedermannaustragung von Paris-Roubaix - 9.04.2016

Einen Tag, bevor der Außenseiter und langjährige Paris-Roubauix-Fahrer Matthew Hayman den Favoriten wie Fabian Cancellara, Peter Sagan und Tom Boonen auf dem Weg nach bzw. im Velodrom von Roubaix davonfuhr, begaben sich Lars Kneller (»Knelly«) und Matthias Langer (»Matze«) auf die Strecke. Hier ihr Bericht:

Matze und Knelly, allgemein als „Querfahrer“ bekannt, begaben sich am vergangenen Wochenende nach „Nord pas de Calais“ um eine Erstbefahrung der Pflastersteine zwischen Paris und Roubaix zu wagen.
In den letzten Wochen vor dieser Reise wurd in epischer Breite über die Materialwahl diskutiert, Ideen wurden verworfen, wichtige Kleinteile wurden bestellt, ausprobiert und dann schließlich mit Restzweifeln in den Kofferraum verladen.
Nach dem freitäglichen Einchecken im ersten Haus am Platze des Gare de Lille et Flanders ging es sofort weiter um den Carrefour de L’Arbre vorher anzutesten.
In dem Ort, passend am Friedhof parkend, wurde ein heimischer, recht betagter „Schti“ nach L’Eau gefragt und der fuhr direkt mit uns zu sich nach Hause, schenkte uns Wasser ein (das teure Vittel) und erfreute sich an unseren staunend geöffneten Mündern und dankbaren Augen.
Gefragt nach der „Equipe“ wiesen wir auf uns als St. Paulianer hin und mussten leider zugeben, dass wir schon Sonnabend und nicht Sonntag, also gemütlich und nicht wahnsinnschnell fahren würden. Egal ;- los geht’s – auch mit den Regenschauern Nord pas de Calais!
Das Pavé wurde schnell angefahren, zügig draufgefahren, kraftvoll stampfend drübergefahren und dann (nach etwa 1/3 des Abschnitts) langsam aber sicher innerlich „kürzer“ geschrien. Geschafft und stolz darauf.
Drei Briten am Rand wurden locker grinsend um Bestätigung befragt, ob das nun der Carrefour war und so lächerlich „schlimm“ die *****-Kategorie sein soll? Die Briten antworteten schelmisch grinsend: „No, that’s only **-category and the last Pavé of the trip. If you have done this tomorrow, you will be done with the race …”
Matze und ich setzten Pokerface auf, fuhren umgehend in die andere Richtung und über das nächste (halt vorherige) Pavé. Wieder eher easy gerührt als total geschüttelt. Lars – man kennt ihn ja – fragt umgehend die nächsten Tester (deutscher Herkunft) ob das nun der berüchtigte Carrefour sei?
Nein, der liegt dort: Es wurde gen Süden gezeigt.
Also hatten wir ihn endlich – um es mit einem anderen Rennmotto zu sagen: Unseren Traum!
Was soll ich sagen/schreiben: Der Carrefour de L’Arbre wäre in unserem Behördenstaat keinesfalls für Fußgänger freigegeben. Zu groß wäre die Gefahr auf den Steinen, die in einen sehr „losen Verband“ dort rumliegen, sich die Füße zu brechen…
Matze und ich waren aber guter Dinge;- schließlich hatten wir den Carrefour nun schon 2 mal, einmal hin (schrecklich schlimm) und retour (nur schlimm) befahren und waren uns unserer jeweiligen (perfekten) Materialwahl nun versichert.
Beide auf dem Lieblingscrosser, mit doppelt oder dem dicksten Lenkerband wo gibt, flexenden Sattelstützen, CX-Schaltung oder Monoschiene und der individuellen Reifenwahl…
Matze auf Schwalbe (!) One, tubeless mit Milch und 28er Breite aber fast keinem Profil.
Knelly auf Dugast, Schlauchreifen geklebt mit wenig Milch, dafür 32er Breite und Diamantprofil auf Baumwollkarkasse
Was würde besser passen und was würde vor allem vom Start bis Ziel halten?
Hier mal gekürzzzzzzzt. Es wurde gut gegessen, besser getrunken, schlecht geschlafen, früh, aufgeregt kalt geduscht. Kurz vor Sonnenaufgang ab nach Busigny mit dem Auto. Immerhin 110 km über die Autobahn.
In Busigny sind wir dann „nach der Meute“, also ca. 1.000 Leuten, die einen der vielen Shuttlebus nutzten (hatten wir mit € 30,- zwar bezahlt, aber aus Event-Taktik ignoriert) auf die Strecke gefahren und es fühlte sich großartig an.
Matze und ich hatten uns darauf verständigt, bis zum ersten Pavé (27 Stück mit knapp 53 km gibt es auf 170 km Strecke) zusammen zu fahren und danach mal schauen wie sich das entwickelt.
Wir haben also genau die Taktik der Profis gewählt: Voll draufhalten und schauen wie lange es reicht…
Es reichte bei uns beiden bis ins Ziel, dem altehrwürdigen Velodrom Roubaix. Zwischen dem Pavé 27 und diesem Ziel sind die Erinnerungen etwas getrübt. Die Bilder im Kopf wackeln einfach immer noch zu stark.
Außerdem soll dieser Artikel nicht zu viel verraten ;- er soll Hunger auslösen. Hunger auf diesen „Hammer“, diese Herausforderung, diese Leistung des Kopfes/Herzens/Willens über das Pflaster und schwache Fleisch.Matze
Es tut weh und trotzdem tut es gut ;- richtig gut es zu fahren, es zu steuern, es einfach platt zu treten, es schlussendlich zu besiegen.
Für mich persönlich war es zusammen mit den 24h Stunden rund um den Alfsee und dem ersten Ötztaler das dritte, richtig tiefgehende Jedermann-Erlebnis auf dem Rad. Rennen sind ganz anders – auch gut – aber halt schnellgefahren und quasi schnell gemacht.
Wer Matze und mich kennt, wird ahnen was nach dem Zieleinlauf kam … Ja, stimmt wir waren gemeinsam duschen. In den originalen Duschen von Roubaix. Ich fand die Kabine vom Dachs und wir haben das neue Schild von Dege gesehen/berührt.
Nie wurde in einem Duschraum so ehrfürchtig gewandelt und bestaunt. Ach ja ;- die Duschen sind vom Wassereinsatz sparsam aber wohl temperiert.
Am nächsten Tag, dem Sonntag der Profis, saßen wir um halb neun schon wieder auf den Rädern. Es ging auf der von mir geplanten Route, ohne große „Schlenker“ zurück nach Busigny. Zum Auto! Und den Profis entgegen.
Wir standen dann mit B&B (Bier und Baguette) am Anstieg des Secteur-Pavé # 25 und haben sie alle (fast) gesehen. Es ist unmöglich bei dem Tempo dieser Herrschaften – auf miesem Pflaster bergan mit etwa 45 Stuckies, die Fahrer genau zu studieren.
Sie sahen alle einfach bärenstark aus…
Nachdem die Meute durch war, haben wir noch schnell die 100 km (gehen ja immer) Tagesleistung gefüllt und das Auto bepackt, um schnell ins Velodrom nach Roubaix zu düsen.
Auf dem Weg, auf einer nomalen Autobahn dann Stau (Mist). Grund: Neben der Autobahn verlief ein Secteur-Pavé und der „Schti“ hält dann halt an, steigt aus und schaut jubelnd zu.
Wir blieben, deutsch und brav, sitzen und haben auch gejubelt.
Im Velodrom schließlich – das kennt jeder sicherlich aus dem TV – der Showdown un ein paar echt nette Britten auf Brighton, die uns ihre Biervorräte (im Velodrom hatten die den Verkaufsstand wohl „vergessen“) zum EK vermachten. Die waren auch sooo nett (und konnten wohl nix mehr in die Kehle reinbekommen).
Einziges Manko war dann, sehr viel später die Fahrt zurück nach „Nord pas de Ems & Elbe“ und ein Montag mit Streichhölzern in den Augen.

Fazit: Das war weit mehr als eine Radtour. Das war Land und Leute kennen und lieben lernen als Botschafter des fröhlichen „jusqu‘ au bout“.

Lars Kneller

 

 

 
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