Sa Apr 01 @08:00
Fischbrötchen Brevet
 

Die große Kraftprobe

Das 4er-Radpiraten-Team

20.06. - 21.06.2015: 22 Stunden und 38 Minuten im Sattel, 550 km von Trondheim nach Oslo 

4 Radpiraten stellten sich in diesem Jahr erstmalig der »Großen Kraftprobe«: dem norwegischen Radrennen »Den Store Styrkeproven«, das i. W. auf der Europastraße E6 vom norwegischen Trondheim südlich nach Oslo verläuft. Bei trockenem Wetter mit einigen Wolken, später herrlichem Sonnenschein kamen sie gut voran, später natürlich an ihre Grenzen, aber trotzdem nach 22 Stunden, 38 Minuten und 26 Sekunden ins Ziel auf den Osloer Ekeberg.

 550 km: warum tut man sich das an?

Eine Strecke von 550 km ist aus der heutigen Sicht eigentlich kein Radrennen, sondern gehört eher in die Kategorie »Brevet« (sportliche Prüfung, Langstrecke). Früher, als alles anders war, wurden aber auch bei Radrennen wie z. B. bei der Tour de France Strecken solcher Längen gefahren. Die »große Kraftprobe« (»Den Store Styrkeproven«) wurde auch 1967 zum ersten Mal ausgetragen und steht ein wenig für diese Zeit.

Rennprofil

Radfahren heißt für uns normalerweise, wochentags eine Trainingsstrecke kleiner als 100 km zu fahren, um dann am Wochenende eine »große« Strecke auf einer RTF oder einem Rennen zu absolvieren (120 km oder 150 km). Zwischen 3 und 5 Stunden sitzen wir dafür im Sattel, je nach Streckenprofil, Witterungsbedingen, Wind und Kondition.
Manche dehnen das noch etwas aus, in dem sie die z. T. angebotenen Radmarathon-Distanzen von 200 plus x km-Strecken fahren und dafür bis zu 7 Stunden benötigen.
Warum sollte man sich aber derart lange in den Sattel begeben wie bei der Trondheim-Oslo-Strecke?

Diese Frage kann nur jede und jeder für sich selbst beantworten. Bei mir persönlich steckt ein Jugendtraum dahinter:

Schon in den 80er-Jahren war ich mit dem Rad in Norwegen. Damals war ich begeisterter Radreisender. Fasziniert von der großartigen norwegischen Fjord-, Berg- und Seen-Landschaft begab ich mich mehrmals mit beladenem Reiserad in verschiedene Regionen Norwegens wie Telemark, Hardangervidda, Jotunheimen u. v. m. Ich lernte nicht nur das norwegische großartige Naturschauspiel kennen, sondern auch viele freundliche Menschen und schon damals viele Radfahrer, im Gegensatz zu mir schon damals vorzugsweise auf Rennrädern. So erfuhr ich auch von der großen Kraftprobe, einer für mich - der i. d. R. Distanzen von 100 km fuhr - nicht nachvollziehbaren Tortur. Aber irgendwie war ich auch fasziniert und - man kann sich ja mal etwas für später vornehmen - dieses Rennen setzte sich doch tief in meinem Hirn auf meine Wunschliste.

Viel später erst begann ich mit dem Radsport (etwa parallel mit den ersten ausgetragenen Cyclassics 1996, zu deren Teilnehmern ich gehörte). Zwar war zu dieser Zeit meine Kondition bereits bei 150 km angelangt, der Wunsch aus den 80er-Jahren aber tief verschüttet. Zehn Jahre später war ich stolzes Mitglied des FC St. Pauli, noch einige Jahre später verblüffte mich der Radpirat Michael »MiKa« Kasparick mit für mich unvorstellbaren Leistungen durch seine Teilnahmen an Brevets (200 km - 600 km) und Super-Brevets (> 1.000 km). Da ratterte es auf einmal in meinem Hirn:
Vielleicht nicht gerade 1.200 km von Paris nach Brest und zurück, aber 550 km von Trondheim nach Oslo! Die Faszination war wieder da.
2014 dann eine Überraschung: Radpiratin Eva kam von der frisch absolvierten Kraftprobe bestens gelaunt zurück: laut ihrer Auskunft nicht schwer. Mit ihrer Zeit von ca. 20,5 Stunden setzte sie dann auch eine Marke, die zu dieser Leichtigkeit passte.

Gesagt, getan

2015 sollte es für mich soweit sein. Aber nun bedurfte es Verbündeter. Allein konnte ich mir ein derartiges Unternehmen nicht vorstellen. Einen hatte ich schnell gefunden. Klaus, bei uns auch der »Terminator« genannt, war bereits vielfacher Begleiter z. B. bei zwei Transalp-Teilnahmen, mehrfacher Teilnahme beim Zeitfahren Hamburg-Berlin und vielen anderen Radmarathons, passt vom Alter und ist ein prima-Kumpel. Dass er mich manchmal aus den Schuhen fuhr (und fährt), motivierte mich nur und war (zumindest aus meiner Sicht) kein Hinderungsgrund. Später lernte ich den Exil-Radpiraten Stefan kennen (NRW). Stefan war und ist nicht nur begeisterter Radmarathon-Fahrer, sondern ließ sich auch schnell für die Stärkeprüfung begeistern.


Jetzt hieß es organisieren und trainieren:

Auf dieser langen Strecke ist ein großes Auto von Vorteil. Die lange Anfahrt (um die 1.300 km von Hamburg aus) mit all dem benötigten Material wird so erheblich komfortabler. Außerdem kann das Auto als Begleitwagen eingesetzt werden, um Support auf der Strecke zu leisten. Zum Glück hat der Amateurbereich des FC St. Pauli für solche Zwecke einen VW-Bus Crafter im Verleih, dieser wurde schnell reserviert. Mit Klaus' besserer Hälfte Andrea fand sich auch eine Fahrerin. Andrea fährt selbst RTF-Strecken von 150 km auf hohem Niveau und war so leicht zu motivieren.

Die Anmeldung für das Rennen sowie die Fähr- und Hotelbuchungen waren im Online-Zeitalter ein leichtes dagegen. Das Rennen ist vergleichsweise teuer (> 200,- €), vorausschicken kann ich aber schon einmal, dass hier im Gegensatz zu manchen deutschen Massenveranstaltungen jeder Cent bzw. jede Øre gut investiert ist. Dank der freundlichen Unterstützung meiner beiden Chefs konnte ich zwei Urlaubstage um das Wochenende herum bekommen (anders wäre es nicht möglich gewesen, großen Dank an U. und A.!).

Das Training bestand i. W. daraus, dass ab Anfang 2015 jeder Marathon und Brevet »mitgenommen« wurde, der im Angebot war. Dabei übertrieben wir es scheinbar etwas. Klaus kam bereits auf dem von der RSG Mittelpunkt veranstalteten »Fischbrötchen-Brevet« Anfang April zu Fall, als er sich nach absolvierten 200 km im zum Schluss einsetzenden Regen auf eine 100 km-Extra-Schleife begab. Der Sturz ereignete sich (mal wieder) bei einer Überfahrt eines Bahnüberganges und führte (wie es sich erst später herausstellen sollte) zum Beckenbruch. Zunächst einmal war ihm davon nichts bewusst. Nachdem die Schmerzen etwas nachgelassen hatten, begab er sich Ende April auf das Rennen »Mallorca312« (ja: 312 km lang und ordentlich bergig: natürlich mit dem Puig Mayor!), das er in einer sehr ordentlichen Zeit (11:39) finishte.
Ich war am selben Wochenende beim Frühjahrsklassiker Liège-Bastogne-Liège, der mit 280 km zwar etwas kürzer ausfällt, aber ebenfalls ordentlich Höhenmeter im Programm hat. Bei einem im Mai stattfindenden Radmarathon in Husum waren wir dann alle drei am Start. Hier stürzte Klaus erneut. Nach dem Marathon suchte er den Arzt auf: Diagnose akuter Adduktorenabriss sowie der schon zurückliegende Beckenbruch. Therapie: Ruhe und runter vom Rad, mindestens 4 Wochen! Die Stärkeprüfung war für Klaus gelaufen.
Kurze Zeit später machte ich es ihm nach: die Woche um Himmelfahrt sollte eigentlich ein persönliches Harz-Trainingslager werden. Gleich am ersten Tag wurde dieses abrupt beendet. Auf einer steilen (und schnellen) Abfahrt vom Sonnenberg erwischten mich sehr kräftige Seitenwindböen. Auf einmal fing der Lenker an, zu schaukeln: links, rechts, links, rechts, ... die Amplitude nahm ständig zu (wie sich später herausstellen sollte , war die Ursache für diesen Effekt nicht nur der Seitenwind, sondern auch ein minimal gelockerter Steuersatz, Erklärungsversuche dazu auch bei Wikipedia). Obwohl ich noch versuchte, den Lenker krampfhaft zu stabilisieren, kam, was kommen musste. Der Lenker stellte sich zu quer und ich machte einen Satz vorneüber. Was in den nächsten Sekunden genau passierte, weiß ich nicht. Aus den Verletzungen und Abschürfungen war aber zu erkennen, dass ich nach einem Salto seitlich rückwärts auf die Straße gefallen war, inklusive Kopf (was auch den kurzen »Ausfall« erklärt). Zum Glück war weit und breit kein Auto hinter mir gewesen. Und: eine Radfahrerin, die gerade entgegenkommend den Berg hinaufkletterte, kam sofort herangefahren und half mir, mich zu sortieren. Ich hatte großes Glück gehabt: anfänglich waren nur Schürfwunden und Schrammen zu erkennen, das Rad war fast unbeschädigt. Schmerzen hatte ich (aufgrund des Adrenalinpegels) noch keine und konnte so zum Ausgangspunkt zurückfahren. Schon am Abend wurde aber klar, dass doch mehr im Busch war: große Schmerzen an den Rippen bzw. Brustkorb deuteten an, dass diese Trainingswoche gelaufen war. Sollte auch für mich die Stärkeprüfung gelaufen sein?
Tatsächlich musste ich eine Pause von mehr als einer Woche einlegen, bis die Schmerzen zurückgingen (inzwischen war klar, dass es sich um eine Rippenprellung handelte). Ich hatte offensichtlich noch mehr Glück im Unglück:
2 Trainingsfahrten im Anschluss machten klar, dass mich die Schmerzen zwar noch in der Atmung einschränkten, Radfahren aber grundsätzlich kein Problem war und sich sogar positiv auf den weiteren Verlauf auswirkte. So machte ich weiter im Marathon-Programm: Pfingsten beim Rhön-Radmarathon, ein Wochenende später gemeinsam mit Stefan auf dem Eifel-Extrem-Radmarathon. Nach letzterem, der sicherlich zu den schwersten Strecken gehört, die in Deutschland angeboten werden, waren wir uns beide sicher, dass wir es im Zweier-Team versuchen würden.

Ankunft in TrondheimAm letzten Wochenende vor der Stärkeprüfung dann die große Überraschung: Klaus auf dem Rad (bei einem Radmarathon in Hamburg)! Und er sah gut aus und fuhr - nach ca. 30 km einrollen - schon wieder wie der »Terminator«. Nach 220 absolvierten Kilometern war für Klaus klar: er ist wieder unser dritter Mann (bzw. eigentlich die Nummer 1!).

Aufregende Anfahrt (18.06.)

Aufgeregt wie ein kleines Kind vergingen für mich die verbleibenden Tage wie im Fluge (vielleicht ganz positiv, dass beruflich viel zu tun war). Am Donnerstag, den 18.06. ging es dann direkt nach Feierabend in den großen FC St. Pauli-Crafter. In diesem hatten wir insgesamt 5 Räder, viel Ersatzmaterial, Kleidung und Verpflegung gebunkert. Vor uns lagen 1.300 km, unterbrochen durch eine ca. 3 Stunden andauernde Fährfahrt.

Nach ca. 5 Stunden zügiger Fahrt durch Norddeutschland und Dänemark hatten wir die Fähre in Hirtshals am Nordrand Dänemarks pünktlich erreicht. Nach der Landung in Kristiansand in Südnorwegen (Telemark) ging es sogleich durch die Nacht weiter auf die norwegische Autobahn. Zum Glück konnten wir uns beim Fahren etwas abwechseln ... im großen Bus bestand zudem die Möglichkeit, etwas zu schlafen. Nach 2 Stunden war die Nacht bereits vorbei (wir waren schließlich auf dem Weg in die Mittsommernacht) und die Sonne kam sofort heraus, das deutsche Schmuddelwetter hatten wir offensichtlich hinter uns gelassen. Die Sonne gab auch den Blick frei auf das norwegische Naturwunder: herrliche Wälder, Felsformationen, Schnee und Gletscher, Flüsse, Wasserfälle, Seen und Fjordausläufer. Hier würden wir radfahren, großartig! Langsam mischte sich die Aufregung mit Vorfreude.
Schließlich erreichten wir gegen Mittag die schöne Stadt Trondheim, gelegen an der Flussmündung des Nidaros bzw. am Trondheimsfjord. Nach Abholung unserer Startunterlagen (erfreulich minimalistisch: Transponder, Helmaufkleber, das war's; die ganzen Werbematerialien, die bei uns normalerweise im Starterbeutel liegen, wurden - vermutlich aus ökologischen Gründen - eingespart) setzten wir uns in ein Hafenrestaurant und genossen dort Sonne und Atmosphäre.
Danach bezogen wir unser Hotel, in dem sich wie zu erwarten bereits große Gruppen anderer, vor allem norwegischer Fahrerinnen und Fahrer befanden. Jetzt ging es an die letzten Vorbereitungen: Check der Räder, Auswahl der Klamotten, effektives Packen ... Kuriosität am Rande: der Transponder (Zeitnahme-Chip) ist ein langer Klebestreifen, der um die Sattelstütze zu kleben war, um dann als langes »Fähnchen« im Wind zu flattern.

Und Start (20.06., 6:30) ...

Nach einer wiederum kurzen Nacht finden wir uns am Frühstücksbüffet ein, das schon ab 4:00 geöffnet hat. Hier herrscht reges Treiben und es gibt eine sehr reichhaltige Auswahl, vom Müsli bis zu Fisch und Fleisch.
Nachdem wir hier ausgiebig zugelangt haben, verstauen wir Taschen und Ersatzräder im Wagen und rollen mit den eigentlichen Rädern an den Start, gelegen am Nidarosdom.
Ein wenig vor der avisierten Zeit von 6:30 wird unser Feld gestartet. Dazu muss erklärt werden, dass die Startblöcke bei der Kraftprobe zeitversetzt gestartet werden und es damit auch langsameren Fahrerinnen und Fahrern ermöglicht wird, in ihrem Tempo ins Ziel zu kommen. Schon in der Nacht vom Freitag auf den Samstag starten die ersten.Start-SelfieDer Transponder

Eine recht große Gruppe von mehr als 100 Fahrerinnen und Fahrern begibt sich mit uns direkt in Richtung Norden auf die E6 (die in vielen Teilen normalerweise für Räder gesperrt ist). Da diese Gruppe sich vom Tempo her sehr zurückhält (d. h. deutlich unter 30 km/h), entschließen wir uns schnell, an ihr vorbeizuziehen. Natürlich hat das den Effekt, dass sich ein kleiner »Rattenschwanz« von ca. 20 Fahrerinnen und Fahrern ans uns anhängt. Leider zieht dies negative Folgen nach sich: bei einem kurzem Pinkelstopp wird am Ende der Gruppe unser Haltezeichen nicht bemerkt bzw. nicht weitergegeben und ein am Ende befindlicher Fahrer fädelt sich am Hinterrad seines Vordermannes ein und stürzt.


Zum Glück hat er sich nur Schürfwunden zugezogen, die Gruppe fährt weiter und wir sind wieder unter uns. Nein, nicht ganz: Karsten aus Elmshorn stellt sich uns vor. Er war alleine auf der Strecke (hatte uns aber bereits vor dem Rennen online recherchiert) und fragt jetzt an, ob wir gemeinsam fahren möchten. Er scheint unkompliziert zu sein (und soll sich später noch als Glücksgriff herausstellen), so dass wir schnell zustimmen.

 

Verpflegungsstation
Im jetzt verstärkten Team kommen wir auf einer welligen Strecke schnell an die bei km 61 gelegene erste Verpflegung (Sokndal). Die insgesamt 9 Verpflegungs-, Sanitäts- und Materialstationen sind eingebettet in einen großen Menüplan, den der Veranstalter am Vortag gemailt hatte: auf allen gibt es lecker belegte Sandwiches, warme Suppe, Orangen, Bananen, Getränke und Kaffee. Die Belegung der Sandwiches und die Art der Suppen verändern sich dann gemäß dem Menüplan.
Es scheint fast, als ob das (ebenfalls mit Lebensmittel und Getränken gefüllte) Fahrzeug überflüssig wäre ... passenderweise ist Andrea zu diesem Zeitpunkt auch noch nicht hinterher gekommen. Schnell geht es weiter. Der lange Anstieg auf das Dovrefjell beginnt (ein Fjell ist ein Hochplateau, wie es sich in der norwegischen Bergen häufig findet). Die Steigung ist allerdings durchaus moderat, so dass wir meistens mehr als 20 km/h auf dem Tacho haben. Wir fahren ein in eine herrliche Felsschlucht, danach in ein grandioses Flusstal. Auf der Strecke überholen uns immer wieder offizielle Fahrzeuge, aber keine Fahrerinnen und Fahrer. Bei km 105 ist die nächste Verpflegungsstelle in Oppdalsporten erreicht und hier erwartet uns auch bereits Andrea und siehe da: die eigene »Station«, die sie uns hier bereitet, ist doch ein Segen! Getränke und ausgewählte Speisen werden gereicht, Sitzgelegenheiten im Fahrzeug sind reichlich vorhanden. Ich muss bereits zu meiner Sitzcreme greifen: Probleme dieser Art haben begonnen ... und werden mich das Rennen über die ganze Zeit begleiten.

 

Das Rennen wird lang

Schnell wird klar: auf einem Rennen dieser Art hangelt man sich mental von einer Verpflegungsstation zur nächsten. Richtig hart wird die nächste dieser Etappen: der Weg nach Dombås (bei km 196). Oben auf dem Fjell ist es nicht nur wellig, sondern auch sehr windig ... im Wesentlichen von vorn. Wir wechseln uns ordentlich ab, lassen aber ordentlich »Körner«.

In Dombås endlich angekommen, genießen wir wieder Andreas Wohlfühlservice bei herrlichstem Sonnenwetter. Die Sonne macht aber auch müde: wir verbringen sehr viel Zeit. Später werden wir feststellen, dass die Summe unserer Pausenzeiten mehr als 3 Stunden beträgt. Das klingt nicht gerade nach Rennen, aber schließlich geht Styrkeproven 2015 02es hier auch eher ums Überleben.

Schließlich geht es weiter. Der jetzige Abschnitt führt vom Dovrefjell herunter. Es ist nicht steil, es reicht aber aus, um eine große norwegische Gruppe an uns heranzuführen. Die i. W. gelb gekleideten Fahrerinnen und Fahrer haben bei uns schnell den Namen »Die Post« weg. Da die Gruppe nicht wirklich schnell ist, versuchen wir, ein wenig mitzufahren. Hier erleben wir eine negative Überraschung. Wir werden angeschrien bzw. regelrecht angepöbelt, uns von der Gruppe fernzuhalten. Karsten wollen sie fast vom Rad holen. Da die Gruppe aber an jeder kleinen Steigung einbricht, überholen wir sie noch ein paar Male: die Situation wird zunehmend gespannter. Zum Glück ist nach einer kurzen Abfahrt die nächste Verpflegung in Kvam (km 262) erreicht.

Die nächste Etappe bis km 306 (Kvitfjellstunet) ist flach und wird von uns in einem prima-Teamwork zügig bewältigt. Die Stimmung ist wieder gestiegen. Und langsam wissen wir: wir werden dieses Ding tatsächlich schaukeln! Die Euphorie wird noch verstärkt durch das Support-Team eines Radsportvereins aus Bruchhausen-Vilsen, das häufig an der Straße postiert ist und uns freundlich zuwinkt und applaudiert (vielen Dank ... leider hatten wir keine Gelegenheit, uns bei Eurem Team zu revanchieren!).

Applaudiert und angefeuert werden wir auch in nahezu jeder Ortschaft: immer wieder »Heia-Heia«-Rufe einer gut gelaunten Bevölkerung, häufig bei Grill und Bier versammelt.

Aber zu früh gefreut: jetzt kommt ein Hammer-Abschnitt! An Lillehammer vorbei verlassen wir die E6 und fahren ein in ein sehr welliges bis leicht bergiges Terrain. Landschaftlich wunderschön (Wald, Wasser und Felsen), die Hügel ziehen uns aber langsam die Zähne. Auf diesem Streckenabschnitt ist Karsten auf einmal weg ... leider haben wir sein Abreißen nicht bemerkt.

Während es bis jetzt auf der langen E6-Strecke keine Schilder und nur in einem Fall verkehrsregelnde Helfer gab, ändert sich das jetzt drastisch. In den jetzt kommendeStyrkeproven 2015 03n häufigen Kreuzungen sind fast überall fleißige Helferinnen und Helfer postiert. Ich muss sagen, zum Glück, denn etwa zeitgleich verabschiedet sich mein Radcomputer/Navi (eine extra für die Stärkeprüfung angeschaffte externe Stromversorgung funktioniert scheinbar nicht).

Bis zur nächsten Verpflegung in Biri (km 378) haben wir wieder ordentlich Pulver verschossen und sind reichlich groggy. Eine weitere - ähnlich schwere - Strecke nach Totenvika (km 428) schließt sich an, zum Glück wieder zu viert. Karsten hatte zwischendurch einen Hungerast gehabt. Nach dem Verzehr einiger Riegel fuhr er in maximalem Tempo wieder an unsere Gruppe heran: bärenstark!

120 km End»spurt«

In Totenvika atmen wir noch einmal durch und genießen wieder einmal Andreas Wohlfühlsupport und ihre aufbauenden Worte. Dann wird Licht angebaut: es ist bereits kurz vor Mitternacht. Über eine etwas längere Schotterstrecke geht es weiter, danach aber zunächst einmal auf einem deutlich leichteren Terrain. Zudem hat der Wind sich fast gelegt. Wir fahren langsam, aber gleichmäßig und wechseln uns weiterhin schön ab.

Auch jetzt noch - mitten in der Mittsommernacht - an fast jeder Kreuzung Personal. Da es aber ordentlich abgekühlt ist, sehen wir das Personal häufig mit Turnübungen beschäftigt, wie z. B. Liegestützen im Kreisel.
Und: auch jetzt noch mitten in der Nacht immer wieder anfeuernde Rufe in den Ortschaften, großartig!

Schnell sind wir an der nächsten Verpflegung (Stensby Sykehus, km 465, bei Minnesund) angelangt. Die etwa gleichlange Etappe nach Kløfta (km 502) wird wieder schwerer: wieder einmal stehen ordentlich Hügel im Weg. Die Kraft schwindet aus den Beinen. Oft müssen wir schon an den kleinsten Steigungen auf das kleine Blatt schalten. Kløfta ist endlich die letzte Verpflegung vor dem Ziel, aber Euphorie fühlt sich anders an. Wären wir doch schon da! Also ein letztes Mal trinken, ein Gel zu sich nehmen o. ä.
Essen funktioniert nicht mehr richtig: unsere Mägen sind komplett übersäuert.
Styrkeproven 2015 04
Auf geht es in die letzten 43 km dieser Tortur. Immer wieder kleine Steigungen, immer wieder kriechen wir sie hinauf. Wir überholen einige Einzelfahrer/innen, denen dieses noch schwerer fällt. Die Sonne ist längst wieder aufgegangen (bei Oslo ist die Nacht nur etwa 2 Stunden lang) und wir kommen in die Vororte von Oslo, schließlich in die Stadt hinein. In Oslo wird es noch einmal hügeliger, unsere Gruppendisziplin wankt, wir zerlegen uns in zwei 2er-Gruppen: Karsten und ich etwas weiter vorn, Stefan und Klaus hinterher. Schließlich erreichen Karsten und ich den Ekeberg (eine kurze, aber steile Anhöhe), an dem er mir noch ein wenig wegsprintet. Das Ziel direkt vor Augen, es darf ja gar nicht wahr sein!

Wir warten einen kleinen Moment: jetzt kommt auch die Nachhut. Zu viert fahren wir ins Ziel!

Party leider schon vorbei

Es ist Sonntag morgen, 5:10. Glücklich, aber auch sehr kaputt begeben wir uns in die Ekeberg-Halle, die für die ankommenden Fahrerinnen und Fahrer reserviert ist. Hier ist aber leider die Party schon vorbei, die Band wieder abgefahren und der Bierstand abgebaut. Die große Masse der Fahrerinnen und Fahrer fährt anscheinend entweder früher los oder schneller, ist jetzt schon in ihren Hotels oder zuhause. Später sollen wir erfahren, dass das norwegische Siegerteam »SK Rye Sykkel« 13:49 für die Strecke benötigte. Da Pausen unmöglich erschienen, wurde die Verpflegung jeweils von Supportern auf Bäcker-Fahrrädern angeliefert. Im Team übrigens auch der Rheinländer Axel Fehlau, der schon lange für die Styrkeprøven trommelt und dazu die Seite styrkeproven.net betreibt.

Einen Vorteil hat die gestorbene Party allerdings: die Halle hat so ausreichend Platz, um ein kleines Nickerchen zu machen ...
Endlich im Ziel (nach 22 Stunden, 38 Minuten)
Viel später am Sonntag morgen verabschieden wir uns von unserem Neu-Piraten Karsten und machen uns mit dem Crafter auf den Weg zum Flughafen, wo wir Stefan auf den Weg nach hause abliefern.

Andrea, Klaus und ich beziehen aber noch ein schönes Hotel in Oslo, machen einen kleinen City-Rundgang mit abschließendem Essen im Hafenbereich Aker Brygge: ein schöner Abschluss.

Schon am Montag heißt es aber wieder, früh aufzustehen, um die Rücktour via Kristiansand nach hause zu machen.

Fazit

Was war ich doch aufgeregt: würde ich jemals im Leben diese Strecke schaffen?

Jetzt weiß ich, es funktioniert, auch, wenn es zum Schluss doch ordentlich weh tut.

Drei Faktoren haben für mich den Ausschlag gegeben, dieses »Monster« zu überwinden:

  • Die norwegische Traumlandschaft, die unglaublich motivieren kann.
  • Das tolle Teamwork: wir haben uns die ganze Zeit prima ergänzt und sehr gut abgewechselt.
  • Andreas Wohlfühlsupport, der uns immer wieder aufgebaut hat, um die nächste »Etappe« zu absolvieren.


Möchte ich dieses Unternehmen wiederholen? Das ist nicht leicht gesagt: das Unternehmen besteht schließlich nicht »nur« daraus, 550 km radzufahren. Organisation, An- und Abreise sind aufwendig, mit Beurlaubungen und Schlafentzug verbunden. Aber irgendwann ... wer weiß?!

wr

 

 
FC St. Pauli Radsport
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