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Schotter, Staub, Chianti …

L’EROICA, 05. Oktober 2014Stahlrahmen und zeitgenössisches Getränk

Carbonrahmen, Aero-Laufräder, elektronische Schaltungen, hydraulische Scheibenbremsen, Materialsteifigkeit, Komfortgeometrie ... das sind die Themen, die die aktuelle Rennradtechnik z. Z. beherrschen. Unsere Radsport-Helden der Vergangenheit fuhren auf den großen Schleifen Tour de France, Giro d'Italia und Vuelta España mit ganz anderem Material: handgeschmiedeten, wunderschönen, aber vergleichsweise schweren und gleichzeitig »weichen« und deshalb auf schlechten Straßenverhältnissen häufig vibrierenden Stahlrahmen mit geradzu filigran wirkenden Bremsen und Schaltungen. Die gängigen Übersetzungen bestanden aus Zahnkränzen von 12 bis 26, kombiniert mit Ritzelsets von 52/42, die minimale Kombi war also 42:26 (ungefähr 1,6). Im Vergleich dazu bietet eine gängige heutige Kompakt-Übersetzung standardmäßig 34:26 (etwa 1,3), Dreifach-Übersetzungen erlauben sogar bis zu 1,0. Die Klickpedale waren noch nicht erfunden, stattdessen wurde mit Pedalhaken gefahren (»Körbchenpedale«), die mit einem Lederriemen zugezogen wurden. Eine an der Schuhsohle festgeschraubte Pedalplatte sorgte aber dafür, dass der Schuh richtig fest auf dem Pedal saß ... nur das Herauskommen war etwas schwieriger.

Muss noch gesagt werden, dass unsere Helden der Vergangenheit kaum langsamer fuhren als die heutigen? In jedem Fall üben die wunderschönen historischen Rennräder eine gewaltige Faszination aus: auch auf viele heutige Sportler/innen und Radsport-Fans. Eine Veranstaltung in der Toskana, im Herzen der Radsportnation Italien gelegen, fasst diese Faszination einmal jährlich zusammen: seit 2008 findet dort die EROICA statt, Tausende kommen um teilzunehmen, Tendenz steigend. Ein Radrennen mit historischen Rädern (zugelassen werden angeblich nur Baujahre bis 1987) auf Strecken bis zu 205 km. Dies Toskana ist keineswegs flach, zudem sind ca. 50% der Strecken nicht asphaltiert (die auch auf dem Giro öfters enthaltenen »Strade Bianche«). Und natürlich gibt es keine Energieriegel und isotonischen Getränke. Ganz im zeitgenössischen Stil wird (z. T. verdünnter) Wein ausgeschenkt, dazu gibt es Toskana-Delikatessen wie Steinpilze oder Trüffel.

Das waren noch Rennräder ...Der Radpirat Klaus Hake ist 2014 endgültig dieser Faszination erlegen. Nachdem er auch noch durch einen Zufall glücklicher Besitzer eines Italo-Klassikers der Marke Gios wurde, gab es für ihn kein Halten mehr: am 5. Oktober stand er am Start. Hier sein Bericht:

 

Für Besitzer und Freunde alter Rennräder ist die EROICA weltweit ein Begriff. Es handelt sich um eine Radsportveranstaltung im Herzen der Toskana, dem Chianti-Gebiet. Zur Auswahl stehen Strecken über 45 km, 85 km, 135 km und 205 km. Natürlich entschied ich mich für die 205 km Strecke. Neben der topographisch bedingten Aneinanderreihung von mehr oder weniger steilen Hügeln, insgesamt 3.500 hm , ist das Besondere an allen Strecken der erhebliche Anteil an Schotterpisten (»Strade Bianche«). Auf der 205 km Strecke waren dies rund 100 km! Was dies konkret bedeutet, erfuhr ich dann ausgiebig und leidvoll.

Startberechtigt ist nur, wer über ein betagtes Rennrad mit Unterrohrschaltung, Körbchenpedale und Führung der Schaltzüge vor dem Lenker als ‚Hirschgeweih‘ verfügt. Durch glückliche Umstände gelangte ich in den Besitz eines passenden Rennrades. Aus dem Keller eines Hauses in einem kleinen Ort in der Nähe von Straßburg holte ich ein ‚Gios Torino‘ mit der unverwechselbaren Blaulackierung des Rahmens ausgestattet mit allen Originalteilen der ersten ‚Super Record‘-Gruppe von Campagnolo.

Der ansonsten kleine, beschauliche Ort GAIOLE glich am Vortag der Veranstaltung einem Ameisenhaufen. Im gesamten Ort waren Stände aufgebaut, an denen man die Entwicklung des Radsportes von den Anfängen her bestaunen konnte. Auch wer Ersatzteile für sein Rennrad suchte, wurde mit ziemlicher Sicherheit fündig.

Start für die lange Strecke war bereits um 500 Uhr, das hieß ca. 1,5 Stunden Fahren im Dunkeln. Da am Start alle erst einmal durch eine Schleuse mussten, in der die Fahrräder auf Einhaltung der Startkriterien kontrolliert wurden und der Streckenpass mit dem ersten Kontrollstempel versehen wurde, gab es glücklicherweise keinen Massenstart. In kleinen Gruppen rollten wir erst einmal auf Asphalt in die Dunkelheit. Ich hielt mich anfangs immer am Ende einer Gruppe auf, da mein Vorderlicht nicht besonders stark war.

Nach rund 15 km bogen wir links von der Straße ab und es ging unvermittelt in den ersten Schotterabschnitt, gleich in eine knackige, etwas längere Steigung. Der Anstieg war durch beidseits des Weges aufgestellte Fackeln geradezu romantisch ausgeleuchtet. Am Ende des Aufstieges endete auch die Ausleuchtung. Es ging unmittelbar in eine reichlich steile Abfahrt über. Aufgrund meiner schwachen Ausleuchtung und der holprigen Oberfläche war die Abfahrt der pure Stress. Unten glücklich und heil angekommen, ging es sofort in die nächste Steigung. So ging es die nächsten ca. 15 km beständig auf Schotter auf und ab. Bereits jetzt sah man zahlreiche Fahrer am Wegesrand Schläuche wechseln. Klaus auf historischen Pfaden und Material

Um es vorne weg zu nehmen, ich hatte in dieser Beziehung großes Glück und kam ohne Platten oder sonstigen Defekt ins Ziel!

Endlich endete der erste Schotterabschnitt, es wurde langsam hell und man erreichte die erste Verpflegungsstation. Das Angebot an den Verpflegungsstationen ließ keine Wünsche offen. Getränkemäßig konnte man sich auch aus Rotweinflaschen bedienen, was doch erstaunlich viele Fahrer, wenn überwiegend auch nur als Mischung mit Wasser, wahrnahmen.

Anstiege von 15% - 17% waren keine Seltenheit. Dabei erfuhr ich im wahrsten Sinne des Wortes, dass meine Übersetzung mit max. 26-er Ritzel nicht ideal war. Ich musste streckenweise mächtig drücken, zumal aus den Sattel gehen auf Schottersteigungen nur sehr begrenzt möglich war, da das Hinterrad wegzurutschen drohte. Viele Fahrer waren in dieser Hinsicht besser ausgerüstet und fuhren daher mit rundem Tritt bergauf. Bei aller notwendiger Aufmerksamkeit für diese Strecke blieb aber streckenweise genügend Zeit, die grandiose toskanische Landschaft zu bewundern, was einige Fahrer zu Fotostopps veranlasste. Das schöne spätsommerliche Wetter mit strahlendem Sonnenschein bis ins Ziel tat dazu sein Übriges.

Mit zunehmender Distanz legte sich eine gelb-graue Staubschicht auf Rad und Fahrer. Kaum glaubte ich die Schotterabschnitte mit streckenweise unangenehmen Waschbrett-Buckelwellen etwas zu beherrschen, passierte es: auf einer Abfahrt geriet ich in eine etwas tiefere, lose Schotterschicht. Das Vorderrad drehte weg und ich stürzte! Glücklicherweise passierte nichts weiter, außer den unvermeidlichen Schürfwunden und einer Hüftprellung. Vor allem das Rad blieb unversehrt! Von da an fuhr ich allerdings die restlichen Schotterabfahrten hypervorsichtig herunter.

Die Strecke zermürbte auf die Dauer langsam jeden Fahrer mehr oder weniger, so dass auch ich das Ziel herbeisehnte. Im Ziel nahm ich dann erschöpft aber glücklich die Finisherflasche CHIANTI Rotwein in Empfang.

Als Fazit bleibt festzuhalten, dass die EROICA aufgrund der Besonderheiten der Strecke und des Radmaterials eine echte Herausforderung für jeden Radsportler darstellt, sofern man bereit ist, nicht nur auf glattem Asphalt mit einem modernen Rennrad zu rollen. Außerdem lässt sich danach die Leistung der Fahrer in den Anfängen des Radsports besser ermessen.

Klaus Hake
14. Oktober 2014

 

 

Geschafft ... Ein Kollege im Stil der *ganz alten*

 

 
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