Di Mai 30 @18:00
Training am Deich fällt heute, 2.05. aus
 

Super-Randonneur 2010

Wie berichtet, hat sich FC St. Pauli.Mitglied Michael Kasparickmika«) durch seine Teilnahme an 200 km-, 400 km- und 600 km-Brevets als »Super-Randonneur« qualifiziert. Im folgenden seine Berichte.Die frischgebackenen Super-Randonneure Kalle, mika und Heiko nach ihrem 600 km-Ritt

27.03.2010

ARA-Brevet »Rund um die Schlei«
Kiel – Eckernförde – Kappeln – Schleswig – Aschberg – Kiel
205 km

Geschafft! Das erste ARA-Brevet über 200 Kilometer liegt hinter mir (die ARA ist die offizielle Organisation der deutschen Langstrecken Radler, über die die Teilnahme am Brevet-Highlight Paris-Brest-Paris geregelt wird; ein Brevet ist im Radsport eine extreme Langstreckenveranstaltung). Nach dem in den Schnee gefallenen ersten Premieren-Versuch am 06.03. hat es am 27.03.2010 nun endlich geklappt.
Nach einer großen Geburtstagsfeier in Schwarzenbek am Freitagabend und nur drei Stunden Schlaf sitze ich am Samstagmorgen um kurz nach 6:00 Uhr im Auto und fahre auf fast leeren Straßen nach Kiel. Nach einem kleinen Verfahrer in Kiel erreiche ich den Startort – das ETV-Kanuheim in Kiel-Wellingdorf (Scharweg 4) – um ca. 7:15 Uhr. Auf dem Parkplatz unter einer Autobahnbrücke sind bereits einige Randonneure damit beschäftigt, ihre Räder für den Start vorzubereiten. Auf dem Weg zur Anmeldung treffe ich bereits einige bekannte Gesichter. Da ARA-Organisator Stefan hier alles komplett alleine macht (Strecke ausarbeiten, Unterlagen vorbereiten, Anmeldung, Verpflegung nach der Tour usw. usw. und auch noch selbst mitfährt – ist halt wie bei ARA üblich eine Veranstaltung mit minimalem organisatorischem Aufwand), dauert es an der Anmeldung etwas, bis jeder seine Unterlagen hat. So bleibt noch Zeit für einige Gespräche.
Inzwischen kommen viel mehr Randonneure als ich erwartet hatte. Viele kommen aus der Region Kiel und reisen mit dem Rad an, teilweise schon mit zwei Platten. Schließlich gehen pünktlich einige Minuten nach 8:00 Uhr 40 Fahrer auf die Strecke. Darunter auch einige Liegerad-Fahrer, ein Mädel auf einem Mountainbike und Armin mit seinem Singlespeed.
In großer Gruppe geht es durch Kiel, teilweise durch Baustellen und über kleine Rad- und Fußwege, die ich allein nach der Streckenbeschreibung wahrscheinlich nicht so leicht gefunden hätte. Aber noch kann ich dranbleiben! Über die Holtenauer Hochbrücke geht es Richtung Norden aus Kiel hinaus und nach Gettorf und Eckernförde. Die erste Kontrolle in Rieseby erreichen wir nach ca. 58 Kilometern immer noch als recht große Gruppe. Ab hier teilt sich das Feld allerdings schon auf. Einige fahren sofort weiter. Ich entscheide mich, mit der zweiten Gruppe und etwas langsamerem Tempo weiterzufahren, da ich bis hier teilweise schon ziemlich am Anschlag unterwegs war. Allerdings zeigt sich schnell, dass das vorher abgesprochene Tempo nicht dem tatsächlich gefahrenen entspricht – wir sind weiterhin sehr zügig unterwegs und erreichen so gemeinsam Kappeln.
Ab hier kommt bis nach Schleswig der Wind ziemlich genau von vorne, so dass ich froh bin, nicht alleine fahren zu müssen. Bei Lindau, fast genau vor dem Haus des »Landarztes«, berühren sich zwei Fahrer direkt vor mir und stürzen (ausgelöst durch unnötige Faxen auf dem Rad) . Ergebnis: eine 8 im Vorderrad bei einem dänischen Randonneur und ein abgerissenes Schaltwerk am Rad von Patrick. Innerhalb der nächsten 15 Minuten wird durch Stefan das Vorderrad wieder »nach Gefühl und Augenmaß« zentriert sowie das andere Rad zum Singlespeeder umgebaut. Ist schon beeindruckend, wie schnell und unkompliziert sich unter Randonneuren geholfen wird. Besonders in solchen Situationen ist es schon beruhigend, wenn man nicht alleine ist. Nach einer kurzen Probefahrt geht es weiter. In Schleswig wird der nächste Stempel an einer Tankstelle abgeholt. Ab hier kommt der Wind wieder seitlich bzw. schräg hinten, was das Fahren angenehmer macht. Allerdings steht uns jetzt der hügeligste Teil der Tour bevor, es geht durch die Hüttener Berge. In Ascheffel mischen wir uns kurz in ein Radrennen ein und fahren ein kurzes Stück der Rennstrecke »gegen den Strich«, was die Rennfahrer, die und vereinzelt oder in kleinen Gruppen entgegen kommen, aber nicht allzu sehr stört. Am Aufstieg zum Aschberg reißt dem unfreiwilligen Singlespeeder Patrick wegen zu heftigen Drückens die Kette, so dass diese mit einem Kettenschloss wieder fit gemacht werden muss. Kurze Zeit später erreichen wir die vierte Kontrolle in der Aschberg-Klause.
Ich möchte eigentlich recht schnell weiter, aber die Meheitheit unserer Gruppe bestellt sich Kaffee und Kuchen und richtet sich auf einen längeren Aufenthalt ein. Mehrheitlich wird entschieden, dass wir bis hier zusammen gefahren sind und das letzte Stück jetzt auch zusammen bezwingen. Also ist Warten angesagt, denn a) habe ich keine Lust alleine weiter zu fahren und b) möchte ich mich als Neuling nicht gleich durch eigensinniges Verhalten unbeliebt machen, man möchte ja noch öfter zusammen fahren. Schließlich geht es weiter, bei Sehestedt mit der Fähre über den Nord-Ostsee-Kanal und vorbei am Westensee wieder südlich Richtung Kiel. Die letzte Kontrolle Rotenhahn liegt ca. 20 Kilometer vor dem Ziel an einer Tankstelle. Um 17:03 erreichen wir nach 205 Kilometern gemeinsam wieder das Kanuheim.

Netto-Fahrzeit 7:18 Stunden, Bruttozeit genau 9:00 Stunden, bedingt durch die für mich ungewöhnlich langen (aber nicht schädlichen) Pausen und die Defekte. Das macht eine Durchschnittsgeschwindigkeit von genau 28 km/ h. Besser als vor zwei Wochen, allerdings auch mit dem Rennrad gefahren. Nach meiner Aufzeichnung hatte die Tour etwa 900 Höhenmeter - andere Messungen gingen bis 1.500 hm, was mir aber eher unrealistisch vorkommt. Immerhin war unsere Gruppe so etwa die dritte im Ziel.

Gemessen an den in der Nacht zuvor durchgezogenen heftigen Gewittern war das Wetter über den ganzen Tag fast traumhaft schön – kein Regen und zwischen 6 und 10°C, mit Wind meist von der Seite oder hinten, was will man mehr. Insgesamt gesehen waren heute Beinlinge, Pauli-Jacke, wasserdichte Socken und kurze Handschuhe die richtige Wahl, auch wenn es bei den Pausen manchmal etwas kühl wurde. Erst auf der Rückfahrt im Auto fängt es leicht an zu nieseln. Diese musste übrigens etwas zügiger als die Hinfahrt erfolgen, da wir bereits um 19:30 wieder zum Torfrock-Konzert in Kellinghusen sein wollten (was wir auch geschafft haben).
Ich bin gespannt auf das 300er-Brevet am 17.04.2010 in Kiel.

17.04.2010

ARA-Brevet
Kiel - Rendsburg - Friedrichstadt - Eggebek - Steinbergkirche - Rieseby - Rammsee - Kiel
305 km

Am Samstag den 17.04.2010 wollte ich also mein erstes ARA-Brevet über 300 Kilometer fahren. Start war bereits um 7:00 Uhr bei Stefan in Kiel. Das hieß um 4:30 klingelte der Wecker, kurzes Frühstück, Sachen ins Auto packen und um 5:15 eine Stunde Fahrt nach Kiel. Dort angekommen waren bereits einige Bekannte vor Ort, aber auch mir neue Gesichter. Wie auch schon beim 200er waren viel mehr Leute da, als ich erwartet hatte.
Ich ging zunächst zur Anmeldung im Kanuheim, wo Stefan bereits Startkarten und Streckenbeschreibungen verteilte. Kurz darauf kam auch Anselm (mit dem Rad), mit dem ich mich für heute verabredet hatte. Außerdem wollten Kalle und Heiko aus Husum dabei sein. Nach dem Auspacken der Sachen und Klarmachen des Rades bleib noch Zeit für einen Toilettengang und etwas Smalltalk. Pünktlich um 7:00 kam dann Stefan und verabschiedete uns mit einer kurzen Ansprache auf die Strecke.
Es ging diesmal südwestlich aus Kiel heraus und – eigentlich unüblich bei Brevets – es blieb ein relativ großes Feld zusammen. Anselm und Kalle fuhren kurz hinter mir, ich hatte Heiko immer im Blick und die Gruppe rollte zügig, aber bei für mich noch angenehmem Tempo dahin – ich konnte sogar zwischendurch etwas essen. Irgendwann bemerkten wir dann, dass Kalle und Anselm in der Gruppe nicht mehr dabei waren, wir fuhren aber trotzdem weiter mit, da wir ja spätestens an der Schwebefähre in Rönnfeld eine Zwangspause einlegen mussten. Nach ca. 50 Kilometern kamen wir an der Fähre an und Heiko und ich beschlossen, auf die anderen zu warten und eine Fähre abzuwarten. So blieb auch Zeit für einen Gebüschgang, einige meiner Nutella-Rosinenbrote und Einstellarbeiten an Heikos Schaltung. Inzwischen kamen noch einige andere Randonneure an und setzten mit der Fähre über. Nachdem wir fast 40 Minuten gewartet hatten und Anselm und Kalle immer noch nicht zu sehen waren, nahmen wir dann endlich eine Fähre und fuhren zu zweit am Kanal weiter Richtung Breiholz, wo die erste Kontrolle war. Dort angekommen stempelten wir in einer Schlachterei (da keine Vorgabe auf der Brevet-Karte vermerkt war) und fuhren sofort weiter. Einige Häuser weiter fuhren wir an Knut und einem weiteren Fahrer vorbei, die definitiv nicht mit der Schwebefähre gefahren waren. Somit war mir klar, dass Anselm, Kalle und einige andere mit der Breiholzfähre übergesetzt hatten und nun vor uns lagen. Ab jetzt hieß es also Gas geben und Boden gut machen, wenn wir nicht die restlichen 230 Kilometer alleine fahren wollten. Unglücklicherweise kam ab jetzt ein teilweise sehr böiger Nordwestwind ständig von vorne oder schräg vorne, was zu Zweit richtig Körner kostete. Von Vorteil war, dass ich mich mit Heiko auf Anhieb sehr gut verstand und wir beide genau auf dem gleichen Level fuhren, so dass wir mit regelmäßigem Führungswechsel und konstantem Fahren zwar nicht schnell unterwegs waren, in Anbetracht der Umstände aber trotzdem recht gut vorankamen.
Schließlich erreichten wir gemeinsam die zweite Kontrolle in Friedrichstadt. Kurz bevor wir auf die Tankstelle abbogen, kam uns eine kleine Gruppe entgegen, in der sich auch Anselm und Kalle befanden. Wir waren also nur noch einige Minuten hinter ihnen! Trotzdem mussten wir noch stempeln, Wasservorräte ergänzen und etwas essen, bevor wir weiterfuhren. Ab jetzt kam der Wind wenigstens für die ersten Kilometer von hinten und so zeigte der Tacho endlich mal wieder deutlich über 30 km/ h an. Aber kurze Zeit später drehten wir wieder Richtung Norden ab und hatten den Wind wie gewohnt von vorne. Zum Glück konnten wir beide unseren bewährten Rhythmus beibehalten und es ging gleichmäßig voran. Mit einer kurzen Unterbrechung auf freier Strecke erreichten wir dann die dritte Kontrolle in Eggebek, wo wir wieder auf die Gruppe um Anselm und Kalle trafen. Diese waren zwar gerade wieder im Aufbruch, aber wir hielten unsere Pause kurz (nur einen Stempel) und fuhren dann sofort gemeinsam weiter. Mit einigen Leuten mehr geht es i. d. R. doch einfacher, allein von der Motivation her, und wir hatten immerhin noch um die 140 Kilometer vor uns. In der Gruppe befanden sich jetzt die Nortorfer Anselm, Kalle und Helmut, Heiko und ich sowie ein weiterer Mitfahrer.
Langsam ging es jetzt weiter in östlicher Richtung zur Ostsee. Alle zusammen erreichten wir die vierte Kontrolle in Steinbergkirche, wo wir auch auf eine weitere größere Gruppe und auf Gerald trafen, die aber schon weiterfuhren. Von hier an ging es dann südlich in Richtung Schlei und der Wind kam ausnahmsweise mal nicht direkt von vorne. Wir passierten weitere Mitfahrer, die unser Tempo aber nicht mitfahren konnten oder wollten. Bei Lindau überquerten wir die Schlei über die Klappbrücke, die natürlich offen war als wir ankamen, was uns zu einer weiteren Zwangspause verhalf. Die fünfte Kontrolle befand sich in Rieseby an der Tankstelle, die wir auch schon beim 200er Brevet angefahren waren. Als wir ankamen, sahen wir gerade noch Gerald abfahren.
Den Nord-Ostsee-Kanal überquerten wir mit der Fähre Sehestedt, welche uns eine weitere Pause bescherte. Langsam merkte man bei allen, dass die Luft raus war. Die Temperaturen sanken unter 8°C und es wurde kalt – aber zumindest hatten wir den ganzen Tag lang keinen Regen. Die Dämmerung setzte ein und wir schalteten unsere Lichter ein. Großes Erstaunen bei mir in diesem Moment: Das Licht (B+M 60 lux und Nabendynamo) funktionierte zwar tadellos, allerdings gingen beim Einschalten die Anzeigen sowohl am Flightdeck-Tacho als auch am HAC (beide mit Funk) auf Null. Funkübertragung für Tacho und Lichtversorgung über Nabendynamo stören sich offensichtlich gegenseitig. Es muss also bis zur nächsten Tour mit Nachtfahrt noch einen der bewährten Sigma-Tachos mit Kabel ans Rennrad.
Die vorletzte Kontrolle in Rammsee lag schon in greifbarer Nähe zu Kiel. Von dort aus ging es über Radwege und teilweise kleine Straßen und Fußwege dem Ziel entgegen. Besonders hier zeigte sich wieder der Vorteil eines GPS-Gerätes und natürlich der Ortskundigkeit meiner Mitfahrer. Alleine hätte ich mich hier nach Streckenbeschreibung sehr schwer getan. Überhaupt muss man sagen, dass Stefans Streckenbeschreibungen teilweise dürftig sind und nicht immer den rechten Weg weisen. Teilweise war die Streckenbeschreibung stark abweichend vom GPS-Track und missverständlich bzw. war an einigen Punkten nicht exakt zu entnehmen, wie es weitergeht. Ohne GPS geht es hier offensichtlich nicht mehr, irgendwann muss ich mir so ein Dingens wohl oder übel auch zulegen.
Die letzte Kontrolle an der JET-Tankstelle in Kiel befand sich nur wenige hundert Meter vom Kanuheim entfernt. Dieses erreichten wir nach insgesamt ca. 306 Kilometern (mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 26,2 km/ h) gegen 20:48h, also nach einer Brutto-Fahrzeit von 13 Stunden und 43 Minuten (netto 11:35). Die schnellsten waren bereits nach 11 Stunden am Ziel. Stefan war noch vor Ort und es gab Nudelsuppe und Cola. Da mich Kalle und Anselm (schon fast, ich war noch am schwanken) überredet hatten, am nächsten Tag beim Nordcup im HH-Hamm anzutreten, verabschiedete ich mich relativ schnell und fuhr um 21:10 Uhr in Richtung Hamburg. Eine Stunde später zu Hause angekommen gab es nur noch drei Dinge: Duschen, essen, schlafen. Das Fahrrad blieb im Auto …

01.05.2010 – 02.05.2010

ARA-Brevet
Kiel - Rendsburg - Glückstadt – Henstedt-Ulzburg - Reinfeld - Grömitz - Heiligenhafen - Schönberg - Kiel
415 km

Am Samstag, den 01.05.2010 klingelte der Wecker erneut bereits um 4:30 Uhr, denn ich hatte mir als nächsten Schritt zum Super-Randonneur mein erstes ARA-Brevet über 400 Kilometer vorgenommen. Nachdem das Brevet am Wochenende davor ganz ordentlich gelaufen war und ich auf die Begleitung durch mir vertraute Begleiter hoffen konnte, fuhr ich frühmorgens den Weg nach Kiel in recht freudiger Erwartung. Außerdem hatte die Kombination von 300er Brevet und Nordcup an einem Wochenende zwei Wochen zuvor den Schrecken vor langen Distanzen einigermaßen abgeschwächt. Das Wetter war für diesen Tag als eher bescheiden vorhergesagt worden mit Schauern, Gewittern und Temperaturen bis max. 10 °C und so war ich einigermaßen überrascht, dass auf der Fahrt nach Kiel alles trocken blieb und sich kaum eine Wolke blicken ließ. In Höhe Molfsee wurde ich sogar von einem wunderschönen, roten Sonnenaufgang empfangen.

Um 6:15 erreichte ich das Kanuheimund ging zu Stefan zur Anmeldung. Dort traf ich auch auf Anselm und verabredete, mit ihm zusammen zu fahren. Nach und nach versammelten sich auch jetzt wieder viel mehr Fahrer, als ich erwartet hatte – vermutlich dadurch bedingt, dass in 2010 in Hamburg keine ARA-Brevets angeboten wurden und in 2011 das nächste Brevet Paris – Brest – Paris auf dem Programm steht. Schließlich machten sich um kurz nach 7:00 Uhr geschätzte 40 Randonneure auf den Weg. Das Feld zog sich schnell auseinander und es bildeten sich kleinere Grüppchen und auch Einzelfahrer. Man merkte schnell, dass bei den längeren Distanzen jeder gerne in seinem eigenen Rhythmus fährt. Ich hielt mich in einer etwa 10 Mann starken Gruppe hinter der Spitzengruppe auf und konnte das Tempo problemlos mitgehen. Nach einem Verfahren der Führenden  - trotz GPS – platze Anselm ein wenig der Kragen und er fuhr fortan mit einem gebührenden Abstand allein vor unserer Gruppe dahin – aber er fand wenigstens auf Anhieb den richtigen Weg.

Die Strecke war zunächst mit der vom 300er Brevet identisch und führte uns zur Schwebefähre nach Rendsburg, wo wir auch wieder auf Anselm trafen. Nach der Überfahrt über den Nord-Ostsee-Kanal war dann in Rendsburg auch gleich die erste Kontrolle an einer Tankstelle. Die Pause wurde ziemlich kurz gehalten, denn essen konnte man unterwegs und Wassernachschub war nach 53 Kilometern bei Temperaturen unter 10 °C noch nicht erforderlich. So beschränkte sich die Aufenthaltszeit auf die Dauer, die der Tankwart benötigte, um jedem seinen Stempel und seine Uhrzeit in die Brevet-Karte einzutragen.

Der weitere Streckenverlauf sollte wieder auf der Nordseite des Nord-Ostsee-Kanal entlang bis zur Fähre nach Oldenbüttel führen. Anselm und ich entschieden uns für den direkten (und für mich eigentlich einzigen logischen) Weg zum Nord-Ostsee-Kanal, der Rest der Gruppe – inklusive Kalle – fuhr von der Tankstelle jedoch in die andere Richtung, um offensichtlich noch eine Ehrenrunde durch Rendsburg zu drehen. Somit waren wir jetzt erstmal nur noch zu zweit unterwegs. In Breiholz erwischten uns dann die ersten Regentropfen und als der erste richtige Schauer bevorstand, beschlossen wir, vorsorglich unsere Regenklamotten überzuziehen. Kurz vor der Weiterfahrt fuhren dabei Jens und Thorsten und kurz darauf die große Gruppe unter lautem Gejohle an uns vorbei. Die Gruppe überholten wir aber nach 50 Metern wieder und johlten ein wenig zurück, da der Schauer sich jetzt in voller Stärke entlud und alle ihre Regenklamotten anzogen. So ging es zu zweit weiter und wir fuhren in einem konstanten Abstand hinter Jens und Thorsten her. An der Fähre Oldenbüttel trafen wir dann zusammen. Wir hatten Glück und die Schranke senkte sich sofort nachdem wir auf der Fähre waren. Die folgende Gruppe kam gerade an der Fähre an, als wir auf der anderen Seite wieder anlegten.

Von Oldenbüttel an fuhren wir dann also zu viert weiter, wobei Jens uns aber auf seine bekannt unmissverständliche Art klarmachte, dass er nur mit Thorsten fahren wolle. Wir durften uns zwar anhängen, aber in der Führungsarbeit wechselten sich nur die beiden ab. Na ja, sollte uns recht sein. So rollten wir ein ganzes Stück relativ entspannt dahin, bis die beiden den nächsten Stopp einlegten und wir allein weiterfuhren. In Glückstadt kamen wir an einer Ampel allerdings wieder zusammen und erreichten bei Kilometer 134 gemeinsam die zweite Kontrolle, ebenfalls an einer Tankstelle. Hier trafen wir auch auf einige Fahrer aus der ehemaligen Spitzengruppe, die sich inzwischen erwartungsgemäß auch in mehrere kleine Gruppen und Einzelfahrer geteilt hatte. Die Wasservorräte wurden aufgefüllt und wir nahmen uns Zeit, etwas zu essen. Die Stempel wurden natürlich auch nicht vergessen. Da wir bisher ganz gut vorangekommen waren und beide ohne große Probleme mitfahren konnten, beschlossen wir, weiter mit Jens und Thorsten zu fahren. Nach unserem vorsichtigen Fragen stimmte Jens zu und es schlossen sich noch drei weitere Fahrer an, so dass wir zu siebt weiterfuhren. Als wir gerade für einige Meter im Sattel saßen kamen uns die ersten vereinzelten Fahrer aus der ehemaligen großen Gruppe hinter uns entgegen, darunter auch Kalle, der nicht komplett glücklich aussah. Aber wir konnten und wollten jetzt nicht auf ihn warten und rollten weiter.

Von nun an ging es Richtung Osten und da der Wind inzwischen von Südwest auf Nordwest gedreht hatte, hatten wir die Hoffnung auf etwas Rückenwind. Die Strecke bis zur nächsten Kontrolle in Henstedt-Ulzburg war mir bekannt, da sie identisch war mit der von einem Brevet, das ich im März 2009 gefahren war (Neumünster – Glückstadt – Henstedt-Ulzburg – Neumünster, organisiert von Knut). Wir kamen u. a. durch Barmstedt und Alveslohe und damit ziemlich nah an meinem trauten Heim vorbei – von der Kreuzung »Hoffnung» an der B 4 sind es nur ca. 15 Kilometer bis nach Hause. In Henstedt-Ulzburg war die Kontrolle bei Streckenkilometer 180 an der JET-Tankstelle vorgesehen. Aber hier erlebten wir ein Novum, das selbst gestandenen Randonneuren in dieser Form noch nicht begegnet war: Die junge Dame hinter dem Tresen wollte uns nur einen Stempel geben, wenn von jedem Einzelnen auch etwas gekauft wurde! Ich wollte aber nichts kaufen, da ich Verpflegung dabei hatte und der Wasservorrat bis zur nächsten Kontrolle reichen würde. Nach dieser Ansage wechselten wir mit einigen Fahrern kurz entschlossen zur schräg gegenüberliegenden ARAL-Tankstelle, wo wir deutlich freundlicher bedient wurden.

Nach kurzem Aufenthalt ging es weiter durch Henstedt-Ulzburg und Richtung Osten durch Kisdorf und schließlich ein Stück durch Bad Oldesloe, bis wir bei Kilometer 224 die vierte Kontrolle in Reinfeld erreichten. Auf diesem Teilstück blieb unsere Siebener-Gruppe komplett zusammen und es ging weiterhin zügig, aber nicht unangenehm schnell voran, da sich die Führungsarbeit nach wie vor zum größten Teil Thorsten und Jens teilten. Zwischendurch erwischte uns immer mal wieder leichter Nieselregen, aber kurz vor Reinfeld kam die Sonne raus und es wurde fühlbar wärmer. Das veranlasste mich, bei der Pause die Überschuhe und die Regenjacke sowie den Regenüberzug meiner Sattelstützentasche abzulegen und zu verstauen. In der Tankstelle trafen wir erneut auf einige vor uns liegende Fahrer, u. a. auch Stefan und Thies. Stefan schien es nicht besonders gut zu gehen, was allein schon daran zu merken war, dass ich ihn eingeholt hatte. Außerdem humpelte er leicht und beschloss, mit Thies die Pause noch ein wenig auszudehnen. Auch wir hielten uns etwas länger auf. Ich füllte meine Wasserflaschen, aß die letzten Rosinenbrote aus meinem Vorrat und fand sogar noch Zeit, ein leckeres Baguette-Brötchen mit Schinken zu verspeisen.

Danach machten wir uns mit unserer bewährten Gruppe wieder auf den Weg, um die nächsten 90 Kilometer in Angriff zu nehmen. Über die Hälfte des Weges lag jetzt schon hinter uns und ich fühlte mich immer noch ziemlich gut. Es ging zunächst mal Richtung Norden über Zarpen und Ahrensbök und die Landschaft wurde langsam wieder welliger, da wir in Richtung Holsteinische Schweiz unterwegs waren. Leider war die durchbrechende Sonne nur von sehr kurzer Dauer und es gab ab und zu kurze Niesel-Schauer oder nasse Straßen, so dass ich meine abgelegten Überschuhe schnell vermisste. Erst nachdem die Füße bereits nass waren ergab sich bei einer kurzen Pipi-Pause die Gelegenheit, diese wieder notdürftig anzulegen. Vor Eutin bogen wir nach rechts Richtung Nordosten ab und fuhren vorbei an Neustadt bis zur nächsten Kontrolle nach Grömitz bei Streckenkilometer 297. Hier gab es an der SHELL-Tankstelle die Gelegenheit, in einem WC die Flaschen mit Leitungswasser aufzufüllen, die Brille zu reinigen und das Gesicht von dem eingesammelten Matsch zu befreien, was wirklich nötig war und gut tat. Außerdem zog ich meine Überschuhe und meine Regenjacke wieder an, da das Wetter nicht besser wurde und es außerdem gegen Abend langsam kühl wurde. Bis zur nächsten Kontrolle sollten es nur etwa 35 Kilometer sein und da die anderen offensichtlich eine längere Pause einlegten, beschlossen Anselm und ich, zu zweit langsam weiterzufahren und uns von den anderen wieder einholen zu lassen. Ein weiterer Fahrer schloss sich uns an und so waren wir zu dritt. Als wir gerade aufbrachen, rollten Stefan und Thies auf die Tankstelle.

Jetzt ging es Richtung Norden durch das westliche Schleswig-Holstein nach Heiligenhafen. Unser Mitfahrer kam aus der Gegend und konnte uns so gut den rechten Weg weisen. Auch zu dritt kamen wir trotz teilweisem Wind von vorne noch erstaunlich gut voran, wurden daher doch nicht von den anderen eingeholt und erreichten kurz nach 20:00 Uhr Heiligenhafen. Da die Tankstelle nur bis 20:00 Uhr geöffnet haben sollte, konnten wir die Kontrollstelle frei wählen. Unser ortskundiger Mitfahrer fuhr einige Meter vor und entschwand plötzlich aus unserm Blickfeld, ohne unser Rufen zu vernehmen. Daher entschieden wir uns als Kontrollstelle für einen Grill-Imbiss an einem Kreisel in der Ortmitte, der geöffnet hatte. Hier gab es freundliche Mitarbeiter, einen Stempel mit Unterschrift und außerdem leckere Frikadellen, von denen wir uns jeder eine genehmigten. Auf dem WC füllte ich meine Wasserflasche nach und dann meldete ich mich per Handy zu Hause. Für die bis jetzt gefahrenen 330 Kilometer hatten wir brutto 13 und netto 11:48 Stunden benötigt und hatten eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 28 km/ h auf dem Tacho stehen. Ich war bisher sehr zufrieden mit mir.

Vor der Abfahrt nahm ich meine LED-Lampe vom Lenker und befestigte diese an der Helmhalterung. Außerdem legte ich zum ersten Mal meinen Reflexgurt an (der sich im folgenden übrigens gut bewährte) und schaltete Rücklicht und Scheinwerfer ein. Als der Scheinwerfer leuchtete, stellten der HAC und das Flightdeck ihre funkgesteuerten Funktionen ein – ein Phänomen, das ich zum Glück schon beim 300er bemerkt hatte. Daher hatte ich zusätzlich einen Sigma-Tacho mit Kabel installiert, der die restliche Strecke zuverlässig aufzeichnete. Wir fuhren zu zweit weiter in die langsam einsetzende Dämmerung. Nach kurzer Zeit wurden wir eingeholt von unserem einstigen Mitfahrer, der seine Pause an der doch noch geöffneten Tankstelle eingelegt hatte. Ich setzte mich an die Spitze unserer kleinen Gruppe und fuhr los, bis ich bemerkte, dass keiner mehr hinter mir war. Ich verlangsamte das Tempo und bummelte vor mich hin. Hinter mir waren Radfahrer zu sehen, aber als diese mich einholten war es nicht wie erwartet Anselm, sondern Fahrer aus der Gruppe, die wir in Grömitz verlassen hatten. Ich ließ die Gruppe vorbeiziehen und bummelte weiter vor mich hin. Schließlich sah ich Anselm von hinten ankommen. Er hatte angehalten, um ein Bild von dem wunderschönen, glutroten Sonnenuntergang zu machen. Ich kann mich nicht daran erinnern, jemals einen solchen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang an einem Tag erlebt zu haben. Ab jetzt konnten wir also wieder in »unserer« Gruppe mitfahren und rollten gemeinsam in die Nacht. Die Gespräche wurden weniger und die Geschwindigkeit ging allein durch die Beleuchtungsverhältnisse auf den kleinen Wegen natürlich erheblich zurück. Gefühlt bin ich in der Nacht aber immer viel schneller unterwegs als es der Tacho bestätigt. Wir rollten um die Hohwachter Bucht, durch Oldenburg, Lütjenburg und Giekau und erreichten gegen 23:00 Uhr bei Kilometer 399 die siebte Kontrolle in Schönberg, die wieder an einer Tankstelle lag. Leider hatte ich nicht bemerkt, dass Anselm nicht mit uns zusammen angekommen war, er hatte irgendwo abreißen lassen müssen.

Der Verkaufsraum war voll mit Jugendlichen, die sich mit Bier und anderen ungesunden Sachen versorgten. Wir wurden ausgefragt, wo wir denn herkämen. Bei der Antwort »Kiel« war noch große Gelassenheit angesagt. Als wir auf die Frage, warum wir denn so spät noch unterwegs seien unsere bisherige Strecke bekanntgaben, fiel aber erst mal die Kinnlade. »Mit dem Rad in einem Stück von der Ostsee zur Nordsee und wieder zurück? Boah ey, voll krass Alder!«. Neben dem Smalltalk schob ich mir eine Bifi und ein Mars rein, und schließlich kam auch Anselm an. Er hatte die Frikadelle aus Heiligenhafen anscheinend nicht gut vertragen und konnte wegen Magenproblemen der Gruppe nicht folgen. Ich entschuldigte mich, aber Anselm sah dafür überhaupt keine Notwendigkeit (das Beobachten von Fahrern hinter einem in der Nacht ist ja auch nicht gerade einfach). Trotzdem versprach ich, ihn den Rest der Strecke zu begleiten – egal wie lange das dauern würde. Da die Gruppe jetzt ohnehin schneller unterwegs war, meldete ich uns ab. Mir war jetzt entsetzlich kalt, aber ich hatte schon alle Klamotten an, die ich dabei hatte – das Wetter besonders in der Nacht hatte ich leicht unterschätzt. Die Regenwolken hatten sich verzogen und es wurde eine klare, aber auch kalte Nacht, die Temperatur lag jetzt bei etwa 5 °C (auf dem Weg nach Hause zeigte das Auto-Themometer später 2,5 °C an).

Da Anselm sich in der Gegend um Kiel ganz gut auskennt und er keine Lust mehr auf unnötige Umwege und Hügel hatte, wählten wir den direkten Weg zum Ziel nach Kiel. Dieser führte an einer Hauptstraße entlang, die aber um diese Zeit kaum befahren war. Sicherheitshalber entschieden wir uns aber trotzdem für den Radweg, der gut fahrbar war. Ich fuhr die letzte Ertappe komplett voran und Anselm navigierte mich von hinten durch die Nacht. Da ich die Strecke überhaupt nicht kannte und Radwege ja so ihre ganz besonderen Tücken bereithalten, fuhr ich ziemlich langsam, was Anselm aber sehr begrüßte. Schließlich erreichten wir gegen 0:15 Uhr Kiel und fuhren mit einigen Hindernissen (mit Fahrrad nicht zu befahrende Schnellstraße) zur letzten Kontrollstelle an der JET-Tankstelle am Ostring. Diese hatte allerdings entgegen unseren Erwartungen geschlossen und auch der Nachtschalter war zu. Also suchten wir nach einer anderen Stempelmöglichkeit und fanden auf dem Weg zum Kanuheim eine geöffnete Spielhalle. Dort gab es allerdings keinen Stempel, so dass wir erneut unverrichteter Dinge abzogen. Nach einer erfolglosen Suche nach einem weiteren um diese Zeit geöffneten Gebäude in Kiel-Wellingort beschlossen wir, uns unsere Ankunftszeit (0:30 Uhr) in Kiel gegenseitig selbstständig in unseren Brevet-Karten zu bestätigen und diese in den Briefkasten des Kanuheims zu werfen. Später wurde diese Vorgehensweise von Stefan als zulässig bestätigt.

Das erste 400er-Brevet meines Lebens war also geschafft. Und erstaunlicherweise hatte ich es besser überstanden als ich erwartet hatte. Insgesamt hatten wir 415 Kilometer und 1650 Höhenmeter in einer Zeit von 17,5 Stunden brutto und 15,5 Stunden netto bewältigt. Das entspricht einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 26,77 km/ h netto und 23,71 km/ h brutto. Ich war mit meiner Leistung auf jeden Fall voll zufrieden.

Anselm wurde am Kanuheim von seiner Frau abgeholt. Er hatte sich für Sonntag noch den Nordcup in Husum vorgenommen und wollte möglichst schnell nach Hause, um wenigstens noch einige Stunden schlafen zu können. Ich packte meine Sachen ins Auto und zog trockene Klamotten an. Kurz vor meiner Abfahrt kamen gegen 0:45 Uhr die restlichen Fahrer aus unserer ehemaligen Gruppe im Ziel an. Auf der Autobahn überfiel mich langsam die Müdigkeit, aber ich fuhr trotzdem noch sicher nach Hause. In Quickborn legte ich noch einen kurzen Stopp bei McDonald’s ein, um meinen plötzlich aufkommenden Hunger mit zwei Cheeseburgern und einem McChicken zu stillen. Nach einer schönen heißen Dusche lag ich dann um 2:30 Uhr in meinem Bett … und kurbelte in meinem Traum immer weiter, immer weiter, immer weiter …

11.06.2010 – 13.06.2010

ARA-Brevet
Kiel – Eckernförde – Padborg – Ribe – Esbjerg – Silkeborg – Horsens – Vejle – Kolding – Haderslev – Aabenraa – Flensburg – Schleswig – Kiel
600 km

Am Freitag, den 11.06.2010 um 21:00 Uhr sollte endlich das letzte Brevet zum Super-Randonneur 2010 beginnen. Insgesamt über 600 Kilometer, und gut 400 davon in Dänemark, standen uns bevor. Ich war die Tage vorher schon leicht kribbelig und freute mich auf meine erste wirklich lange Langstrecke mit zwei Nachtfahrten. Das lag zum einen daran, dass ich mich mit elf seit März gefahrenen Marathons (davon je einer über 300 und über 400 km) recht gut vorbereitet fühlte. Zum anderen hatte ich mich mit Kalle und Anselm verabredet - zwei Mitfahrer, mit denen man hervorragend solche Touren fahren kann, das hatten wir auf vielen Touren in diesem Jahr festgestellt. Außerdem liebe ich Nachtfahrten, seitdem ich einen Nabendynamo und eine B+M-Leuchte mit 60 lux am Renner fahre.

Stefan wollte vor dem Start noch einige Ansagen machen und hatte darum gebeten, rechtzeitig anzureisen. Da der Verkehr in Richtung Kiel am Freitagabend auch nicht zu unterschätzen ist, fuhr ich nach zwei Stunden Nachmittags-Schlaf und mit einer Lasagne im Bauch gegen 18:30 Uhr zu Haus los – bei 24 °C und trockenem, aber stürmischem Wetter. Eine gute Stunde später kam ich am Kanuheim in Kiel an – bei 15 °C und Dauerregen. Es waren bereits viele Randonneure versammelt und Stefan gab die letzten Tipps bezüglich der Besonderheiten des Radfahrens in Dänemark. Ursprünglich war eine neue Strecke geplant, die über Fehmarn und mit der Fähre nach Lolland und in Richtung Kopenhagen führen sollte. Da es dabei aber einige Unsicherheiten bei der Streckenführung gab, hatte sich Stefan vernünftigerweise kurzfristig entschlossen, die bereits aus Vorjahren bekannte 600er-Strecke nach Jütland zu fahren.
Langsam trafen immer mehr Fahrer ein, Kalle wurde von seiner Frau mit dem Auto gebracht und Anselm kam leicht angenässt mit dem Rad. Außerdem tauchte Heiko aus Husum auf, mit dem ich im April ein großes Stück des 300er Brevet gefahren war. Ich entschloss mich, aufgrund des aktuellen Wetters und der Vorhersagen meine Kleidung und Ausrüstung entsprechend umzustellen, Kurz- Kurz war auf jeden Fall nicht angesagt. Knielinge, Armlinge und Unterhemd wanderten aus dem Rucksack an den Körper. Zum Glück blieb ja noch genug Zeit bis zum Start, um alles zu richten.

Pünktlich um 21:00 Uhr standen dann insgesamt 43 Starter (so viel wie noch nie bei einem Kieler 600er) bei 14,5 °C und Regen vor dem Kanuheim, viele davon – ich eingeschlossen – mit Regenjacke und Überschuhen. Einige Minuten später gab Stefan das Startzeichen und es ging los. Zunächst quer durch Kiel, vorbei an der HDW-Werft, durch den Hafen und über die alte Hochbrücke Richtung Wittenbek, wobei unsere Gruppe aus bunt gekleideten Menschen auf merkwürdigen Fahrrädern zu einer ungewöhnlichen Zeit einige verwunderte Blicke von Passanten erntete. Wir fuhren in einer relativ großen Gruppe mit recht zügigem, aber noch vernünftigem Tempo – nur eine kleinere Gruppe setzte sich bereits früh nach vorne ab. Es ging auf kleinen Wegen über Gettorf nach Eckernförde und dort den Domstag hinauf. Dort musste ich an Armin denken, der in einer Parallelstraße wohnt und die gleiche Tour vor drei Jahren gefahren ist. Durch seine tollen Berichte zu ARA-Brevets und sonstigen Touren und persönlichen Kontakt bin ich letztendlich zu den ARA-Brevets gekommen. Noch vor einem knappen Jahr hätte ich nie gedacht, dass ich auch einmal diese Tour fahren werde.

Weiter ging es über Geltorf und Selk nach Schleswig. Die Gruppe funktionierte ganz gut und ich übernahm auch einige Führungsarbeit. In Schleswig fuhren wir an der Führungsgruppe vorbei, die uns aber in den folgenden Anstiegen schnell wieder einholte und sich mit unserer Gruppe vermischte. Dementsprechend ging das Tempo wieder in die Höhe, aber es machten alle mit und ich auch. Hinter Schleswig verschwand unsere Gruppe dann in der dunklen und feuchten Nacht. Gegen 23:45 Uhr passierten wir bei Kilometer 90 die Ortschaft Tarp, in der uns drei an einer Ecke sitzende Teenie-Mädels mit dem Aufschrei „Hiiiiiiiiiiiiiiiii – Tour de France !!!“ anfeuerten.

Immer wieder erwischten uns kleine Schauer und die Temperatur lag inzwischen bei 10 °C. Ich hatte nach dem Start zuerst befürchtet, zu warm angezogen zu sein, aber diese Befürchtung sollte sich nicht bestätigen. Gegen 0:30 erreichten wir die erste Kontrolle in Padborg, also bereits auf dänischem Boden. Ich kaufte mir eine große Flasche Mineralwasser - für 21 Kronen (also etwa 3 €), es sollte die letzte auf dieser Tour sein, danach stieg ich auf Leitungswasser um – und füllte sie in meine Trinkflaschen um. Schnell noch was gegessen und dann ging es auch schon weiter. Die große Gruppe war bereits gestartet, lag aber noch in Sichtweite, als ich mit Kalle und Anselm losfuhr. Dann kam von Anselm die Ansage »Ich hab’ den Track bis Esbjerg nicht auf meinem GPS-Gerät«. Da Kalle und ich kein GPS haben und wir nachts keine Lust hatten, nach Streckenbeschreibung zu fahren, war die Sache ohne ein Wort zu reden klar: Lücke zufahren und bis Esbjerg an der ersten Gruppe dranbleiben. Also los! Nach kurzer Zeit hatten wir mit brennenden Schenkeln den Anschluss hergestellt, um nach einer Abbiegung dann einige Minuten an einer geschlossenen Schranke gemeinsam zu warten. Unsere Körner hatten wir also umsonst verbrannt. Man kann halt nicht immer Glück haben, aber so war wenigstens Zeit für einen weiteren Müsliriegel.

Hinter Padborg ging dann auch schon die typische dänische Landschaft aus einsamen, geraden Straßen, Wiesen und Büschen los, die uns den nächsten Tag begleiten sollte. Die Straßen waren breiter und erheblich gerader als in Deutschland und, was ganz besonders auffiel, frei von Frostschäden und Schlaglöchern (dies sollte übrigens auch für den Rest der dänischen Strecke so bleiben). Anscheinend wird in Dänemark noch mehr Wert auf Qualität gelegt als bei uns.
Unsere Gruppe fuhr relativ schnell in Richtung Nordwesten, wobei der Westwind immer von schräg links kam. Wir kamen durch Tinglev, Lögumkloster und Skaerbaek. Ich merkte nach einiger Zeit, dass das Tempo für mich eigentlich zu hoch war und es in Anbetracht der noch zu fahrenden Strecke nicht vernünftig war, in diesem Stil weiterzufahren. Ich konnte zwar mitfahren, musste mich aus der Führungsarbeit aber heraushalten. Ich hatte den Eindruck, einigen anderen ging es ähnlich. Immerhin waren wir ja auch in der Spitzengruppe, zusammen mit einigen Rennfahrern, die üblicherweise eher gegen- als miteinander fahren. Mir kam es mehr vor wie in einer schnellen Gruppe beim Nordcup als bei einem 600er Brevet. Also fasste ich den Entschluss, mich aus der Gruppe zu verabschieden, wollte dies mit Kalle und Anslem besprechen und ließ mich ans Ende der Gruppe zurückfallen. Leider waren die beiden aber nicht mehr da. Ein Blick zurück zeigte mir am Horizont ein Licht, aber ob sie das waren? Das war mir zu unsicher. Also Plan B: Hinten an der Gruppe dranbleiben, so lange es geht – möglichst bis zur nächsten Kontrolle und dann sehen wir weiter.

In Ribe war es dann soweit, dass die Gruppe endgültig gesprengt wurde und sich in mehrere kleinere Grüppchen zerteilte. Die nächsten 20 Kilometer führten in der ungeschützten Landschaft weitestgehend direkt in Richtung Westen und somit genau gegen den Wind. Zusammen mit vier weiteren zurückgefallenen Fahrern brauchten wir fast eine Stunde für diese Stück, bis wir die zweite Kontrolle an einer Tankstelle in Esbjerg bei Kilometer 215 erreichten. Dort legte ich eine größere Pause ein um wieder Kraft zu tanken und um auf Kalle und Anselm zu warten, die fast eine halbe Stunde nach mir ankamen. Sie konnten das Tempo der Spitzengruppe nicht halten, waren schon früh zurückgefallen und die Etappe nach groben Ortsangaben gefahren, was bei der übersichtlichen dänischen Straßenführung aber auch ging.

Nach einer knappen Stunde Aufenthalt fuhren wir dann bereits bei Tageslicht frisch gestärkt und mit vollen Wasservorräten aus Esbjerg hinaus in Richtung Nord-Osten, was auf jeden Fall leichten Schiebewind versprach. Mit uns fuhren meine vier Begleiter vom letzten Stück sowie ein weiterer Fahrer, der nicht mit der Spitzengruppe weiterfahren wollte. Kurze Zeit später hatte dieser Fahrer beim Einscheren auf einen Radweg eine Berührung mit einem anderen und stürzte. Zum Glück waren Mensch und Maschine soweit in Ordnung, dass ein Weiterfahren möglich war. Beim Wiederaufsteigen bemerkte ein weiterer Mitfahrer dann einen Platten – Anselm und ich schauten uns kurz an und wir entschieden uns loszufahren, da wir ohnehin geplant hatten nur zu dritt zu fahren und wir dies auch für besser hielten. Je mehr Leute in einer Gruppe stecken, umso unterschiedlicher sind die Bedürfnisse und ein gleichmäßiges Fahren wir immer schwieriger. Daher gibt es auch Randonneure, die grundsätzlich egal über welche Distanz alleine unterwegs sind.
Nach einigen Kilometern war es dann Anselm, der einen Platten hatte. Während der Reparatur fuhr zunächst der gestürzte Fahrer (offensichtlich mit einiger Wut im Bauch) und dann die Vierer-Gruppe an uns vorbei. Somit blieben wir zu Dritt. Das nächste Stück führte zunächst auf dem Seitenstreifen einer großen Straße (Nr. 30, in Dänemark sind alle Straßen durchnumnmeriert) fast nur geradeaus, vorbei an Grindstedt und Give. Einzige Abwechslung waren die leichten Hügel sowie die teils sehr heftigen Schauer, die uns einmal sogar zum Anhalten zwangen. Auch die Landschaft bot wenig Abwechslung und besonders für Anselm, der einmal kurz einnickte und sich auf dem Seitenstreifen wiederfand, wurde Dänemark zu Gähnemark. In der Kommune Silkeborg standen dann ausnahmsweise bei dieser Tour mal mehrere Bäume an der Straße, es gab Kurven und ging teilweise knackige Steigungen hinauf und wieder herunter (vmax = 63,15 km/ h). Außerdem kam jetzt auch noch die Sonne durch – ein völlig neues Fahrgefühl und für mich das landschaftliche Highlight der Tour. Gegen 11:00 Uhr erreichten wir bei Kilometer 320 die dritte Kontrolle an einer Tankstelle in Silkeborg und hatten somit die Halbzeit erreicht. Da diese Tankstelle außer einem Stempel für uns nicht viel zu bieten hatte und wir außerdem Hunger und Appetit auf eine »richtige« Mahlzeit hatten, fuhren wir ein Stück weiter bis zu McDonalds. Dort trafen wir auch wieder auf die Vierer-Gruppe. Ich bestellte ein Big Mac-Menü mit großer Cola und einen Mc Fish und verschlang alles in Bestzeit. Wir machten eine gute halbe Stunde Pause, richteten unsere Ausrüstung und füllten die Wasserflaschen. Außerdem war Zeit, sich mal zu Hause zu melden und den Zwischenstand durchzugeben. Große Beruhigung bei der Familie.
Silkeborg war der nördliche Wendepunkt der Tour, von dort ging es südöstlich in Richtung Ostsee nach Horsens, wieder an der ziemlich großen Straße Nr. 52 entlang, teilweise auf Radwegen. Die Landschaft war weiterhin hügelig und an den langen Steigungen ging das Tempo erheblich zurück. Anselm hielt sich fast immer hinten, es war schon länger zu merken, dass es nicht sein Tag war. Die Vierer-Gruppe fuhr uns davon und wir erblickten einen Einzelfahrer vor uns, den ich bereits beim zweiten Vorbeifahren an der Kontroll-Tankstelle in Silkeborg gesehen hatte, und der einige Zeit im selben Tempo wie wir vor uns herfuhr. Als wir näher kamen erkannten wir zu unserer Freude Heiko, den wir seit Padborg nicht mehr gesehen hatten. Er hatte offensichtlich die Pausen kürzer gehalten als wir und so aufgeholt. Wir waren etwas schneller als er und er wollte sein eigenes Tempo weiterfahren und so verloren wir ihn wieder. Kurz danach fuhren wir auch wieder an der rastenden Vierer-Gruppe vorbei. Vom Wetter her war dies der schönste Abschnitt der gesamten Strecke, kein Regen und immer wieder kam die Sonne durch, die aber nicht richtig wärmte.

In Horsens war bei Kilometer 370 eine Geheimkontrolle und wir holten uns einen Stempel beim örtlichen McDonalds. Für eine Pause war es zu früh und ich füllte nur schnell meine Wasserflasche auf und weiter ging’s. Der Weg zur nächsten Kontrolle in Vejle führte entlang der Straße Nr. 170 und in Richtung Südwest, also genau dem Wind entgegen. Dementsprechend ging die Geschwindigkeit auch bergab kaum über 25 km/ h und spätestens ab jetzt war ich froh, einen Dreifach-Antrieb zu haben, den ich ausgiebig nutzte. So konnte ich entspannt mit hoher Drehzahl fahren und Kräfte sparen während die anderen teilweise richtig drücken mussten. Kurz vor Vejle hatte Anselm dann einen totalen Durchhänger und wir legten eine Pause auf einem Rastplatz mit Tischen und Bänken ein. Anselm legte sich hin und ich kam dazu, mein jetzt langsam wund werdendes Hinterteil mit Salbe zu verwöhnen und einige TUC-Kekse zu essen. Die Vierer-Gruppe fuhr ein weiteres Mal an uns vorbei und als wir uns langsam zum Aufbruch fertigmachten kam auch Heiko an und wir beschlossen, von jetzt an zu Viert weiterzufahren.
In Vejle gab es bei der vierten Kontrolle wieder einen Stempel an einer Tankstelle. Ab hier blieben wir zwar auf der Straße Nr. 170, die Fahrtrichtung schwenkte jedoch auf Süden um, so dass aus dem bisherigen Wind direkt von vorne jetzt ein heftiger Seitenwind wurde, den wir aber als Erholung empfanden. Es ging jetzt immer entweder auf dem Seitenstreifen oder auf dem Radweg entlang, von Nord nach Süd durch Kolding, Christiansfeld und Haderslev. Bis zur fünften Kontrolle in Aabenraa gab es außer einigen Positionswechseln mit der Vierer-Gruppe keine besonderen Vorkommnisse, wir rollten einfach vor uns hin. In Aabenraa hatte Anselm dann seinen Tiefpunkt erreicht. Er legte sich für einige Minuten in einen Gang der Tankstelle, kündigte dann seinen Abbruch an und telefonierte zwecks Abholung. Bis nach Flensburg wollte er allerdings noch fahren und so brachen wir in der Abenddämmerung in Richtung Deutschland auf. Unterwegs bat Anselm uns, ihn alleine weiterfahren zu lassen, da er uns nur aufhalten würde, aber das kam in dieser Situation natürlich überhaupt nicht infrage. Außerdem lagen wir gemessen an der maximal erlaubten Zeit von 40 Stunden noch sehr gut in der Zeit.

Bei Krusa überquerten wir gegen 23:00 Uhr die Grenze in die Heimat und fuhren weiter über Wasserleben, wo es noch mal einen kräftigen und langen Anstieg gab, nach Flensburg. Da Heiko ein GPS-Gerät hatte und sich außerdem auskannte, übernahm er jetzt die Führung. Im Nieselregen ging es am Flensburger Hafen vorbei, wo um diese Zeit noch ein mächtiger Trubel herrschte und weiter quer durch die Stadt. Wir wurden von einigen Passanten bestaunt, als ob wir nicht von dieser Welt wären (und zugegebenermaßen kam es mir selbst auch ein bisschen so vor).

Anselm verabschiedete sich und fuhr eine Tankstelle an, um sich dort abholen zu lassen. Für seine Entscheidung, die Tour an dieser Stelle abzubrechen hat er auf alle Fälle meine Hochachtung. Ich weiß nicht, ob ich in seiner Situation auch so vernünftig gewesen wäre. Schade war es auf jeden Fall für ihn und wir hätten ihn auch gerne noch bis nach Kiel mitgenommen, aber letztendlich kann jeder nur selbst in sich hineinhorchen und entscheiden – und 100 Kilometer lagen ja auch immerhin noch vor uns. Als wir zu dritt weiterfahren wollte, hatte Kalle nach wenigen Metern in Flensburg einen Platten, was zumindest den Vorteil hatte, dass wir bei der Reparatur die Straßenbeleuchtung nutzen konnten und nicht nur auf unsere Helmlampen angewiesen waren. Mit neuem Schlauch verließen wir Flensburg auf der Landstraße nach Süden in Richtung Oeversee. Hier war es sinnvoll und auch gut möglich, den Radweg zu benutzen. Heiko übernahm zunächst weiter die Führungsarbeit, aber auch ich fuhr mal vorne und konnte so meine Beleuchtung voll genießen. Mir machte die Fahrt durch die stockfinstere Nacht wieder richtig Spaß, zumal das Tempo jetzt angezogen wurde und wir gemessen an den Bedingungen (schmaler Radweg im Dunkeln) recht flott vorankamen. Später kamen wir auf die alte Landstraße, die teilweise mit übelstem Kopfsteinpflaster ausgestattet und bei den asphaltierten Passagen mit Schlaglöchern übersät war, und wurden ordentlich durchgerüttelt.

Schließlich erreichten wir die siebte Kontrolle an der ARAL-Tankstelle in Schleswig, wo wir wieder auf unsere Vierer-Gruppe trafen. Die Verpflegung reichte jetzt für die letzte Etappe und so wurde die Pause kurz gehalten. Ich musste nur noch meinen Antrieb mit ein wenig Öl verwöhnen, da dieser bereits auf den letzten Kilometern sehr unschöne Geräusche von sich gegeben hatte – so hatte sich das Mitführen des Ölfläschchens doch noch gelohnt. Die Strecke nach Kiel führte jetzt immer an der B 76 entlang, wir entschieden uns weiterhin für den sichereren Radweg, da auf der Bundesstraße doch sehr schnell gefahren wird und gerade in der Nacht von Samstag zu Sonntag die Autofahrer ja nicht immer die alleraufmerksamsten sind. Die Vierer-Gruppe hatte sich anders entschieden, sie rollte auf der Bundesstraße an uns vorbei. Kalle übernahm ab Schleswig die Führung, da er die Strecke kannte und der Radweg teilweise in verwirrenden Kurven von einer Seite der Straße zur anderen geführt wird. Zwischendurch überholte uns ein lautes und stinkendes, mit zwei Mann besetztes Moped oder Mofa, dessen Lampe im Vergleich zu unseren Leuchten wie ein Streichholz wirkte. Ich war trotz über 550 Kilometern froh, nicht auf so einem Gefährt unterwegs sein zu müssen.

Wir durchquerten zum zweiten Mal auf dieser Tour Eckernförde, das um diese Zeit wie ausgestorben dalag und erreichten Gettorf, wo drei unserer vier Mitstreiter in einer Bushaltestelle eine kurze Schlafpause einlegten. Kalle kannte jetzt Wege, die ich nicht mal bei Tageslicht gefunden hätte und schließlich kamen wir kurz vor Kiel wieder auf die Strecke, die wir zu Beginn unserer Tour in entgegen gesetzter Richtung befahren hatten. Am östlichen Horizont war jetzt zwischen den aufbrechenden Wolken schon ein Hauch von einem Sonnenaufgang zu sehen. Wir trafen erneut auf die Vierer-Gruppe und jetzt kam es endlich für die letzten fünf Kilometer bis zur letzten Kontrolle zum Zusammenschluss. Um 3:35 Uhr erhielten wir unseren letzten Stempel an der HEM-Tankstelle in Kiel und waren damit Super-Randonneure 2010. Wildfremde und auch bekannte Fahrer lagen sich in den Armen und beglückwünschten sich zu dieser Leistung. Vom Tankwart erfuhren wir, dass die ersten Fahrer so gegen 22:00 Uhr gestempelt hatten, also mehr als 5 Stunden vor uns. Trotzdem lagen wir aus meiner Sicht für unsere Verhältnisse in Anbetracht der Wetterbedingungen mit Regen und starkem Wind und der Probleme von Anselm noch recht gut in der Zeit. Nach meiner Zählung können höchstens 10 Randonneure vor uns ins Ziel gekommen sein.

Zusammen fuhren wir dann noch die letzten Kilometer durch Kiel – wo gefühlt irgendwie nur Taxen und keine sonstigen Autos unterwegs waren - bis zum Kanuheim zurück, wo wir unsere Brevet-Karten wie gewohnt in den Briefkasten warfen und uns voneinander verabschiedeten. Zum Umziehen hatte ich keine Lust mehr und so startete ich direkt – mit offenem Fenster und lauter Musik um nicht einzuschlafen – in Richtung Heimat, wo ich nach einer kräftigen Dusche, 37 Stunden Wachsein und zwei Nächten ohne Schlaf um 6:00 Uhr in meinem Bett landete.

Für die Statistik hier die Daten des 600er Brevets:
596 Kilometer (ausgeschrieben waren 614 Kilometer, ich habe keine Ahnung wo uns etwas fehlte, da wir auf jeden Fall die beschriebene Strecke gefahren sind und auch noch einige kleine Extra-Schleifen und Verfahrer hatten); ca. 3000 Höhenmeter; Fahrzeit 30:30 Stunden brutto und 25:58 Stunden netto; Durchschnittsgeschwindigkeit 19,53 km/ h brutto und 23,00 km/ h netto.

Ich habe auf der Tour 9 Liter Getränke, ein Rosinenbrot mit Nutella, drei Scheiben Brot mit Salami und Käse, ein Menü bei McDonalds, ein Paket TUC-Kekse und ungezählte Müsli- und Mars-Riegel sowie Mini-Salamis verbraucht, um die insgesamt ca. 100 kg (Mensch, Maschine und Ausrüstung – ich habe lieber immer zwei Teile zuviel dabei als eins zu wenig) über die Distanz zu befördern.

Persönliches Fazit:

Es hat auf jeden Fall viel Spaß gemacht und wird eine bleibende Erinnerung werden. 600 Kilometer am Stück sind auf jeden Fall kein Spaziergang und ohne eine vernünftige körperliche sowie auch geistige Vorbereitung nicht zu empfehlen. Allein durch die Strecke ist eine solche Tour nicht zu unterschätzen und Wette, Hügel und sonstige körperliche und technische Unwägbarkeiten machen die Sache nicht einfacher.

Nachtfahrten sind für mich ganz besondere Ereignisse, die ich einerseits jedem (mit der richtigen Ausrüstung) nur empfehlen kann, die auf der anderen Seite aber auch ganz besondere Aufmerksamkeit und Umsichtigkeit erfordern.

Das Finden des rechten Weges ist speziell in der Nacht mit einer Wegbeschreibung auf Papier sehr mühsam. Über kurz oder lang werde ich mir auch ein GPS-Gerät zulegen müssen, denn man muss immer darauf vorbereitet sein, ein Brevet auch alleine fahren zu können.

Die körperlichen Beschwerden beschränkten sich im wesentlichen auf das Sitzfleisch, das punktuell doch sehr dünn geworden war. Als Sofortmaßnahme verschafft eine Sitz- bzw. Wundcreme etwas Abhilfe, aber bis zur nächsten Tour muss ich mir überlegen, ob es am Hintern, der Hose oder dem Sattel gelegen hat. Für die nächste Tour werde ich zunächst mal einen anderen Sattel ausprobieren. Ansonsten gab es noch leichte Verspannungen im Schulter-/ Nackenbereich, leichte Scheuerstellen vom Rucksack und Taubheitsgefühle in der linken Hand (»Radfahrer-Lähmung«), die sich hoffentlich bald wieder geben werden.

Das Radfahren in Dänemark ist anders als in Deutschland, zumindest auf der von uns gefahrenen Strecke. Wir fuhren fast immer auf bzw. neben großen Straßen, die kaum Kurven hatten. Die Landschaft erschien mir größtenteils eintönig und man konnte schon von weitem sehen, welches Auto einem in 10 Minuten begegnet. Die dänischen Autofahrer sind allgemein rücksichtsvoller und verständnisvoller gegenüber Radfahrern als die deutschen. Es wird zwar ziemlich dicht überholt, aber ich kann mich erinnern, nur einmal in Dänemark angehupt worden zu sein (wahrscheinlich war das auch noch ein Deutscher).

Ach ja, und zum Schluss noch dieser wichtige Tipp: Nach über 30 Stunden Bewegung in Regenjacke und Überschuhen sollte man beim Entkleiden keine allzu empfindlichen Nasen in der Nähe haben.

 

 

 

 
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